Der kleine Unterschied

Von Uta Buhr

„Warum müssen Frauen immer tratschen!“ Die beiden jungen Männer am Nebentisch sehen ihre Begleiterinnen missbilligend an. Dabei hatten die zwei ganz harmlos über den Kellner getuschelt, der die fehlende Haarpracht auf seinem Kopf durch überlange Koteletten wettzumachen suchte. Doch dann bleibt dem einen Jüngling buchstäblich die Kuchengabel im Mund stecken: „Seht mal die da. Die sieht ja aus wie ein Salamander.“ In der Tat, die kleine Frau, die gerade vorbeischwebt, trägt grüne Leggins, gelbe Turnschuhe und ein gelb-grünes T-Shirt. Das Tüpfelchen auf dem i aber ist eine grüne Schleife, die auf dem flachsblonden Haar thront. „Allmächtiger, da wird man ja sehkrank“, stöhnt der andere. „Nee, diese Farben stehen dem Mädel wirklich nicht.“ Beide Herren recken die Hälse, und bevor die junge Dame im Eckladen verschwindet, fällen sie ihr letztes Urteil: „Schöne Beine hat sie auch nicht. Und das bei dem kurzen Hemd.“ „Ich denke Männer tratschen nicht“, erregt sich die Freundin zur Rechten. „Wer redet denn von Tratsch“, kommt es kühl zurück. „Das war lediglich eine kritische Bestandsaufnahme.“ – Es lebe der kleine Unterschied!

SCHRILLE TÖNE

Die flinken dunklen Augen des Mannes in der schon malerisch verschlissenen Kleidung taxieren die Anzahl der Fahrgäste in der einlaufenden U-Bahn. Als er in einen gut besetzten Wagen steigt, fällt die fröhliche Miene wie eine Maske von seinem Gesicht. Mit vergrämtem Ausdruck und Trauer in der Stimme wendet er sich an das Publikum: “Meine Härrschaften, ick bien ein Flichtling und brauchen Geld fier fünf Kiender und teire Miete. Deshalb ich was spielen – von Schubert.“ Setzt eine weiße Flöte an die Lippen und intoniert eine Melodie, die man mit einigem guten Willen für ein Stück aus dem Forellenquartett halten kann.
Die meisten um ihn herum sehen den Flötisten leicht genervt an. „Müssen diese schrillen Töne sein“, sagt ihr Blick. Es ist kurz vor 18 Uhr. Man ist müde und braucht seine Ruhe.
Doch der kleine Mann lässt sich nicht beirren. Behende hält er jedem seine verbeulte Mütze unter die Nase und sagt beschwörend: „Nur ein Euro fier eine arme Kienstler, der genauso miede ist wie Sie und auch gärrn nach Hause will. Oder weiterspielen?“ Da zücken doch viele schnell ihr Portemonnaie und kaufen sich frei, bevor der begnadete Musiker noch eine Zugabe macht.

GESUNDES LEBEN

Jeden Morgen joggen sie an meinem Haus vorbei, die mollige Frau, ihr hagerer Mann und die schlaksige Tochter. Ihre Gesichter sind angespannt, die Bewegungen eckig. Richtig fröhlich bei dieser sportlichen Betätigung scheint nur der Cockerspaniel zu sein, der leichtfüßig durch das nasse Laub tollt. Ein Stück weiter auf der Brücke hat die Familie ihr tägliches Pensum absolviert. „Wie lange haben wir heute gebraucht, Willi?“ keucht die Frau ganz außer Atem. „Drei Minuten weniger als gestern“, antwortet der Mann mit einem kurzen Blick auf seine Armbanduhr zufrieden. Dann lassen sich alle drei auf die grüne Parkbank fallen und strecken die Beine weit von sich. Kurz darauf lässt die Tochter eine Schachtel mit Zigaretten kreisen, und bald steigen blaue Rauchwolken in die Luft. „Die haben wir uns auch redlich verdient“, befindet der Vater. „Waren wir nicht wieder toll in Form. Es geht doch nichts über ein gesundes Leben!“

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