Wächst Ihr Kind richtig?

Von Renato Diekmann
Marius war ein ganz normales Baby, genauso groß und schwer wie die anderen Kinder. Im Alter von vier Jahren fällt im Kindergarten zum ersten Mal auf, dass er einer der Kleinsten ist und mit fünf Jahren verläuft seine Wachstumskurve im gelben Kinder-Untersuchungsheft nicht mehr im normalen Bereich. Leider bleibt die Ursache der Wachstumsstörung lange unerkannt. Marius ist immer der Kleinste und wird von den Erwachsenen häufig falsch eingeschätzt. Bemerkungen wie „Darfst Du das denn schon? Bist Du dazu schon alt genug?“ machten ihn unglücklich. Auf die Frage nach seinen Wünschen zu Weihnachten antwortet er: „Ich möchte gerne wachsen und so groß sein, wie die anderen Kinder meines Alters.“
Marius (links) mit 2 Jahre jüngerem BruderAls sich bei seinen Freunden im gleichen Alter die ersten Zeichen der Pubertät bemerkbar machen, ist die starke körperliche Entwicklungsverzögerung von Marius nicht mehr zu übersehen. Seine Mutter bemüht sich um die Überweisung zu einem Facharzt für Endokrinologie. Marius ist fast vierzehn Jahre alt und nur 137 Zentimeter groß. Die Vermutung des Endokrinologen bestätigt sich: Marius leidet an einem ausgeprägten Mangel an Wachstumshormon. Das sein Knochenalter stark verzögert ist und die Pubertät noch nicht begonnen hat, besteht die Chance, dass Marius einen Teil des versäumten Wachstums aufholt. Kurze Zeit später beginnt die Substitutionstherapie mit Wachstumshormonen.
Heute ist Marius 16 Jahre alt und seit dem Beginn der Therapie fast 20 Zentimeter gewachsen. Jetzt ist er sichtlich erleichtert, dass er zu seinen Freunden schon ein Stück weit aufgeholt hat.

Cornelia K. als KindEin Mangel an Wachstumshormon beschäftigt auch Cornelia Kaufmann. Die heute 25-jährige Frau leidet an einer genetisch bedingten Erkrankung, die als „Ullrich-Turner-Syndrom“ (UTS) bezeichnet wird und nur bei Mädchen auftritt (in Deutschland bis zu 15.000 Frauen). Cornelias Mutter, Kinderärztin von Beruf, berichtete auf einer Pressekonferenz in Mainz von dem Symptomen dieser Chromosomenstörung: „Die Hauptkennzeichen dieses Syndroms sind Kleinwuchs, eine kurzer, breiter Hals mit seitlichen Hautfalten, nach außen abgewinkelte Unterarme, und nicht ausgebildete Eierstöcke. Bei Cornelia trat die Wachstumsstörung etwas später als bei den meisten betroffenen Mädchen auf. Erst im Alter von acht Jahren war die Abweichung von der Norm in der Wachstumskurve deutlich zu erkennen. Allerdings litt Cornelia als Kleinkind sehr unter Mittelohrentzündungen, was bei Mädchen  mit Ullrich-Turner-Syndrom häufig vorkommt.“

Die Ursache des Ullrich-Turner-Syndroms (benannt nach den Ärzten Otto Ullrich und Henry Turner) ist das vollständige oder teilweise Fehlen eines der beiden X-Chromosomen in einer oder allen Körperzellen. Häufig treten bei den betroffenen Mädchen folgende äußerliche Merkmale mit unterschiedlich starker Ausprägung auf:

– Wachstum: Kleinwuchs
– Augen: Herabhängendes Oberlid, Schrägstellung der Lidspalte mit Hautfalte,                            Sehstörungen
– Ohren: häufige Entzündungen des Mittelohrs
– Haut: Schwellungen des Lymphsystems an Händen und Füßen (meistens mit der                 Geburt)
– Hals: Kurzer, breiter Hals mit seitlichen Hautfalten und nach oben gerichtetem                          Haaransatz im Nacken
– Thorax: Brust mit weitem Abstand zwischen den oft kleinen Brustwarzen
– Skelett: Weiter Winkel zwischen ober- und Unterarm, kurze Mittelhand- und                                 Mittelfußknochen, Wirbelsäulenverkrümmung
– Ausbleibende Pubertät

Wachstumshormon kann das Symptom Kleinwuchs beim UTS positiv beeinflussen und die körperliche Entwicklung fördern. Bei frühzeitigem Beginn und optimaler Abstimmung der Behandlung durch den Kinder-Endokrinologen kann die Körperhöhe im Erwachsenenalter dieser Patientinnen verbessert werden. Wichtig ist, dass durch frühzeitige Therapie und dadurch bedingte normale Körperhöhe eine altersgerechte Pubertätsentwicklung eingeleitet werden kann. Ein Wachstumshormonmangel sollte also so früh wie möglich erkannt werden, damit rechtzeitig mit der Behandlung begonnen werden kann. Optimal ist eine Diagnose im Alter von zwei bis fünf Jahren.

Infos: www.forumwachsen.de

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