Sagen und Märchen auf Sand gebaut

Am Travemünder Ostseestrand findet das 4. Deutsche Sandskulpturenfestival statt – 75 Künstler »buddeln« um die Wette
Von Ruth Vollmer- Rupprecht
Die Gebrüder Grimm hätten es sich nie träumen lassen, daß ihre Märchen einmal in den Sand gesetzt werden. Im wahrsten Sinn des Wortes: Am Travemünder Ostseestrand entsteht in diesem Sommer unter dem Motto „Fabelhaft und Märchenreich“ eine Sagenwelt aus Sand im Rahmen des 4. Deutschen Sandskulpturenfestival vom 8. Juli bis 4. September. Nicht im Miniformat, sondern mit Riesenfiguren bis zu zwölf Metern Höhe wie dem größten Froschkönig der Welt. Die Prinzessin, die ihn küssen will, müßte auf eine Feuerwehrleiter steigen – aber wer will schon den Mund voll Sand haben?  Die Erbauer stört es allerdings wenig, wenn sie einen Sommer lang überall nur Sandkörner finden, in den Schuhen, in den Ohren, im Bett. 75 Sandkünstler aus aller Welt gehen voll und ganz in ihrem Hobby auf, mit dem sie eine traumhafte Skulpturenwelt schaffen, die in Deutschland einmalig ist, und die das Festival „Sand World 2005“ auf dem Travemünder Priwall zum größten Europas werden läßt.
Uns hat es als Kinder auch nicht gestört, wenn wir paniert wie ungebratene Schnitzel am Strand unsere Burgen bauten. Aber diese so typisch deutsche Bauart, die nicht an allen Stränden auf Gegenliebe stößt und zu Verboten führt, stand nicht Pate für den Sandskulpturenbau am Priwallstrand. Schon 4000 vor Christi bauten die alten Ägypter die Modelle ihrer Pyramiden aus Sand. Als Kunstform entstanden die Skulpturen vor hundert Jahren an den Stränden von Florida und Kalifornien. Dann entdeckten auch die Europäer dieses Hobby, das allerdings für den künstlerischen Leiter von Sand World schon zum Beruf geworden ist: der Niederländer Dave Wille (30) baut seine Skulpturen im Sommer aus Sand, im Winter aus Eis und Schnee. Er ist für den künstlerischen Entwurf  verantwortlich und sorgt dafür, daß die 75 „Carver“, wie die Sandkünstler genannt werden, optimal und ohne Unterbrechungen arbeiten können. Da muß auch das Wetter mitspielen, denn es wird ja im Freien gearbeitet.
Nicht mit Ostseesand, der eignet sich nicht dafür, weil er rundgewaschen ist. 9.000 Tonnen Spezialsand mit eckiger Kornstruktur müssen herangekarrt werden, um auf 10.000 Quadratmeter Strandfläche die Skulpturen entstehen zu lassen. Vier Wochen lang bauen die Sandkünstler an ihren riesenhaften Figuren. Während der ersten drei Tage nach der Eröffnung haben die Besucher die Möglichkeit, ihnen beim letzten Feinschliff über die Schulter zu schauen. Dann steht sie, die Märchenwelt aus Sand am Ostseestrand. Gestaltet nach 45 berühmten Märchenmotiven der Brüder Grimm, Geschichten aus „1001 Nacht“ und – wie könnte es in diesem Jahr auch anders sein – nach Märchen von H. Ch. Andersen. Da leisten das häßliche junge Entlein und die kleine Meerjungfrau dem Froschkönig in der Wasserwelt Gesellschaft, Dornröschen und die Prinzessin auf der Erbse verschlafen das Festival im Märchenschloß, Hänsel und Gretel knuspern am Pfefferkuchenhaus, der Rattenfänger von Hameln läßt seine Flöte ertönen, des Kaisers neue Kleider sind tatsächlich verschwunden und die sieben Geißlein haben sich im Märchenschloß vor dem bösen Wolf versteckt – aber nicht vor den staunenden Besuchern. Die dürfen übrigens auch, wenn sie Lust zum Eigenbau bekommen haben, hier die Träume ihrer Kindheit in professionell geleiteten Kursen verwirklichen. Die vielgelästerten Sandburgen finden in Dave Wille einen Fürsprecher, der sagt: „Wer schon früh mit Sandburgen am Strand beginnt und dann experimentiert – Fenster einbauen, Zinnen, Zugbrücken –, der kann es auch zum angesehenen Skulpturenbauer schaffen und hat eine rosige Zukunft vor sich.“ Die heutigen Techniken, die beim Bau einer Sandkultur angewendet werden, sind nicht viel anders als im Altertum. Ob man nun eine Skulptur von 16 Metern Höhe oder ein kniekurzes Kunstwerk bauen möchte, für beide gilt dieselbe Vorgehensweise: aus losem, angefeuchtetem Skulptursand fertigt man einen festen Block, der Lage für Lage in eine feste Form – Mallen – angestampft wird. Das Füllen der Mallen wird so lange wiederholt, bis die gewünschte Höhe erreicht ist. Das Schneiden der Formen aus dem harten Sandblock, das „Carven“, erfolgt von oben nach unten.
Und wie lange halten die Figuren? Monatelang, auch bei Regen und Wind. Der europäische Rekord liegt bei 21 Monaten. In Travemünde sollen sie unversehrt mindestens bis Anfang September stehen. Dann werden sie von hundertausenden Besuchern bestaunt worden sein. Im vergangenen Jahr wurden 330.000 gezählt, da war „Olympia“ das Thema. Die Märchenwelt dieses Sommers dürfte vor allem Urlaubsfamilien anziehen. Für Interessierte offeriert die Lübeck und Travemünde Tourist-Service GmbH mit dem komplett buchbaren Erlebnispaket „Travemünde Sand World“ einen Kurztrip mit zwei Übernachtungen.  V. R.
Informationen und Buchung unter Telefon (0 18 05) 88 22 33, per E-Mail unter pauschalen@travemuende.de oder www.travemuende-tourismus.de

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