Paracelsus in Brügge

Von Hans- Peter Kurr

Es heißt, daß in den Zeiten des Mittelalters der große Heiler Paracelsus kurze Zeit in Brügge gewohnt und gewirkt habe. Und mancher alte Bürger erzählt gern aus
diesen fernen Tagen die Fama von jenem Arzt und den zauberischen Wassertropfen.
Der berühmte Arzt schöpfte aus dem nahe beim Stadttor gelegenen Bruchteich eine Handvoll Wasser, goß es in ein gläsernes Schälchen und schaute,in sein Labor zurückgekehrt, mit einem Vergrößerungsglas auf jene Pfütze. Er entdeckte  -oh Wunder- etwas, das er mit bloßen Augen niemals hätte sehen können: Es wimmelte im Wasser des Teiches nur so von Tierchen, die eilig hin- und herschwammen, als sei eines vor dem anderen auf der Flucht.
Paracelsus, der Einfallsreiche, wollte Genaueres sehen, und so schüttete er -listig- ein Tröpfchen Rotwein in das Schälchen. Dies hatte zur Folge, daß das Wasser
klar blieb, die Tierchen sich aber rot verfärbten. Und nun konnte unser Forscher sehen, daß sie nicht eben voreinander flohen, sondern sich gegenseitig verfolgten, zwackten, benagten ,verletzten, ja sogar ganz und gar fraßen.
In tiefem Nachdenken senkte Paracelsus die Augen, als einer seiner Schüler,  Nicodemus von Brügge, das Studierzimmer betrat. Neubegierig kam er näher, als er den Meister grübelnd sitzen sah und bat um Erlaubnis, ebenfalls durch das Vergrößerungsglas schauen zu dürfen. Nachdem er eine lange Weile dem Treiben in der brackigen Pfütze zugesehen hatte, lachte er laut und rief: „Wie sie sich doch alle behacken! Das sieht aus wie auf dem Marktplatz von Brügge oder dem Rathausmarkt von Antwerpen.“
Sprach’s, grüßte den Meister und verließ -immer noch schmunzelnd- das Labor. Mißmutig nahm Paracelsus das Schälchen, schüttete seinen wimmelnden Inhalt in
den Ausguß und murmelte: „Menschen, Menschen, Menschen…….“

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