Nächtliche Nervensägen

Von Renato Diekmann
Schnarchen bei Kindern und Erwachsenen stellt in den meisten Fällen keine Gefahr für die Gesundheit, sondern eher eine unangenehme Belästigung für die Umwelt dar. Scharchen ist für einen Partner also sehr störend, belastet eine Beziehung nicht selten über Gebühr und treibt den Ehepartner im wahrsten Sinne des Wortes in die Flucht. Unregelmäßiges und dabei lautes Schnarchen kann auch ein erster Hinweis auf eine ernsthafte Erkrankung, der sogenannten obstruktiven Schlafapnoe (Atemstillstand) sein. Diese Erkrankung, die bei ca. 4 Millionen Patienten in Deutschland auftritt, wurde früher selbst unter Schulmedizinern nicht immer ernst genommen, obwohl man heute weiß, dass sie häufig Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall nach sich zieht. Schnarchen
Ursächlich für die obstruktive Schlafapnoe ist die Entspannung und Erschlaffung der Muskeln des weichen Gaumens, der sich zwischen Zungenansatz und Gaumenzäpfchen befindet, im Schlaf. Werden die Atemwege eingeengt, oder im Extremfall sogar verschlossen, wird ein freier Luftfluss verhindert, was einem Atemstillstand gleichkommt. Verstärkt wird dieses durch vergrößerte Mandeln im Rachenraum und am Eingang der Atemwege befindliches Fett- und Bindegewebe, ungewöhnlich kleine Kiefer oder große Zungen.
„Dauert dieser Stillstand länger als 10 Sekunden, spricht man von einer Apnoe, auf die der Körper mit verstärkten Atembemühungen reagiert. Als Folge hiervon kommt es zu heftigen, kurzen Weckreaktionen mit Anstieg der Muskelspannung. Hierdurch werden die Atemwege wieder geöffnet, akustisch wahrnehmbar am lauten Schnarchen“, erklärte der Pneumologe Professor Dr. Stephan Sorichter auf dem 12. Presseforum des Informationszentrums Zahngesundheit Baden-Württemberg (IZZ).
Ein gesunder, erholsamer Schlaf funktioniert anders, Menschen, die unter obstruktiver Schlafapnoe leiden, fühlen sich morgens wie gerädert, und tagsüber lustlos, müde und schlapp, werden vergesslich und zerstreut, leiden häufig unter Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen und Angstzuständen bis hin zu Depressionen. Hinzu kommen kardiologische und neurologische Folgeerkrankungen, aber auch soziale Probleme, die in die Isolation führen können.
In der Behandlung der Schlafapnoe kommen allgemeine Maßnahmen und spezielle Therapieverfahren zur Anwendung. Regelmäßige körperliche Bewegung, gesunde Ernährung und die Einstellung auf das Normalgewicht spielen bei der Schlafapnoe eine entscheidende Rolle, ebenso sollte das Schlafen auf dem Rücken vermieden werden. Zusätzlich gilt ein Alkoholverbot von mindestens 2 Stunden vor dem Schlafengehen. Auch das Rauchen sollte erheblich eingeschränkt oder besser noch völlig eingestellt werden.Prof. Sorichters Labor
„In den meisten Fällen reichen diese allgemeinen Maßnahmen jedoch nicht aus, weswegen spezielle Therapieverfahren erforderlich werden“, sagte der leitende Oberarzt der Abteilung Innere Medizin am Universitätsklinikum Freiburg. „Goldstandard ist hier die Freihaltung der Atemwege durch eine besondere Beatmungsform: der CPAP-Therapie (continuous positive airway pressure). Dabei wird über eine individuell angepasste Nasenmaske ein kontinuierlicher positiver Druck den Atemwegen zugeführt. Durch den Beatmungsdruck werden die Atemwege offen gehalten, so dass sich Schlaf und Atmung wieder normalisieren können. Die Beatmung mit dem CPAP-Gerät ist eine physikalische Maßnahme und muss deshalb jede Nacht eingesetzt werden. Wird die Therapie konsequent durchgeführt, steigt die Lebensqualität der behandelten Patienten an, da sie sich beim morgendlichen Aufwachen wieder erholt fühlen sowie am Tag wieder fit und wach sind“. Das Problem dieser Therapie, bedauert Sorichter, sei die mangelnde Akzeptanz: Nur rund 70% der Patienten kämen mit dem Therapieverfahren mittel- bis langfristig gut zurecht.
Manchen Patienten kann mit individuell angepassten Protrusionsschienen für Ober- und Unterkiefer geholfen werden. Mit diesem technischen Hilfsmittel werden die Atemwege ebenfalls offen gehalten, indem Kiefer, Zunge und weicher Gaumen leicht nach vorne verlagert werden. Hierdurch werden Schlund und Atemwege im Schlaf erweitert und vor einem Verschluss bewahrt.
„In der Nacht getragene Schienen stellen bei obstruktiver Schlafapnoe eine durchaus erfolgreiche Behandlungsmethode dar, PD Dr. Rosedas Schnarchgeräusch dauerhaft zu beseitigen“, berichtete PD Dr. Dr. Edmund Rose, Oberarzt der Abteilung Kieferorthopädie am Universitätsklinikum Freiburg.
Die Therapieform wird gegenwärtig aktuell diskutiert. In den letzten 10 Jahren wurden an der Klinik für Zahn- Mund- und Kieferheilkunde des Universitätsklinikums Freiburg zahlreiche Erfahrungen mit dieser Therapieform an mehr als 1500 Patienten erworben. Verschiedene Schienen wurden in mehreren klinischen Untersuchungen ausgetestet, verglichen und verbessert. Die aktuellen Konstruktionen bilden heutzutage eine eigenständige Apparaturengruppe, die bezüglich der Effektivität, des Tragekomforts, der Nebenwirkungen und der Haltbarkeit seit der Erstbeschienung wesentlich verbessert wurden. Wirksame Schienen sind deshalb immer individuell für den Patienten im zahntechnischen Labor gefertigt. Die sorgfältige Beurteilung der zahnärztlichen Therapie wird neben einer präzisen schlafmedizinischen Diagnosestellung (Schlaflabor) für einen dauerhaften erfolgreichen Einsatz der Apparaturen grundsätzlich vorausgesetzt.
„Obstruktive Schlafregulationsstörungen stellen sich bei Kindern klinisch völlig anders dar“, betonte der Kieferorthopäde aus Freiburg. Wichtigste kieferorthopädische Maßnahme sei die Überwachung und Steuerung der skelettalen Entwicklung des Gesichtsschädels. Bestehende skelettale Auffälligkeiten, die zu einer Einengung der Luftwege führten, wie beispielsweise ein verkleinerte Unterkiefer oder ein zu schmales Mittelgesicht, können bei diesen Kindern durch kieferorthopädische Behandlungen dauerhaft beseitigt werden, so Rose auf dem IZZ-Presseforum.

Schreibe einen Kommentar