Größen von gestern

Heute: Old Parr

Von Hans- Peter Kurr
Wenn in unseren Tagen ein Mensch 80 Jahre alt wird, so gilt das als ungewöhnlich. Wer hätte je in der abendländischen Geschichte von einem Menschen gehört, der 152 Jahre alt wurde?

Doch wirklich: Es gab ihn! Er war Brite, genauer: Schotte. Wer Londons Westminster Abtei durchstreift auf der Suche nach den Gräbern Shakespeares, Lord Byrons oder anderer großer Literaten, stößt in der so genannten Dichter-Ecke auf seinen Namen: Thomas Parr, geboren 1483, gestorben 1635. Ein einfacher Bauer, der weder lesen noch schreiben konnte und doch im Kreise der Dichterfürsten begraben liegt?
Die Antwort gibt seine Biographie: Thomas wurde im Februar 1483 als Sohn eines Bauern in Winnington geboren. Über die ersten 80 Jahre seines Lebens ist uns nur bekannt, dass er sich in der Nachbarschaft als Knecht verdingen musste und nach dem Tod des Vaters den eigenen kleinen Hof übernahm.

Der Mann, der zehn britannische Herrscher überlebte, darunter Königin Elisabeth I., kommt erst ins Gerede, als er nach Vollendung von acht Lebensjahrzehnten zum ersten Male heiratet. Der Ehe mit Jane Taylor entsprießen eine Tochter und ein Sohn, die allerdings beide in Kindertagen sterben. Wieder umgibt Schweigen diesen merkwürdigen Menschen, bis wir ihn im Jahre 1588 in einem weißen Büßergewand am Pranger seines Heimatortes wiederfinden, weil er mit einer jungen Dorfschönheit, die den blumenreichen Namen Katherine Milton trägt, ein uneheliches Kind hat. Thomas ist immerhin 105 Jahre alt.

Erst 17 Jahre später, also in 1605, erhält er – nach dem Tod der Geliebten Katherine – die behördliche Genehmigung, ein zweites Mal zu heiraten. Er tut es, über Kinder aus dieser Ehe ist uns allerdings nichts bekannt.

30 weitere Jahre ziehen ins Land, bis eines Tages der Earl Marshal von England, Sir Thomas Howard, seine Güter in der Nähe von Winnington besichtigt und bei dieser Gelegenheit von dem merkwürdigen Alten hört. Er besucht ihn, ist tief beeindruckt von der Vitalität des Mannes und lädt ihn ein, nach London zu kommen, um bei Hofe eingeführt zu werden. Thomas Parr begeht einen entscheidenden, aber verständli-chen Fehler: Er sagt zu. In wenigen Tagen steht eine zweispännige Kutsche zu sei-ner Verfügung, und schon auf dem Wege nach London wird er in allen Orten, die er zu durchfahren hat, als Wunder der Natur bestaunt.

Schon bald nach seiner Ankunft in der Hauptstadt wird er zu einer Berühmtheit: König Charles I. empfängt ihn zur Audienz, die weltbekannten Maler Rubens und van Dyck verewigen sein Antlitz auf der Leinwand.

Old Parr, wie er bald liebevoll allerorts genannt wird, hatte 151 Jahre seines Lebens nach den Gesetzen der Natur verbracht, nun fordert das Leben in der Welt der hoch-gezüchteten Zivilisation innerhalb eines einzigen Jahres unumgänglichen Zoll. Am 14. November des Jahres 1635 stirbt der Alte.

Dr. William Harvey, eine Kapazität auf dem Gebiet der Kreislauferforschung, nimmt auf Wunsch von König Charles eine Obduktion vor. Er stellt fest, dass Thomas Parrs innere Organe vollkommen in Ordnung sind und diagnostiziert, der älteste Mensch der abendländischen Welt habe sterben müssen, weil er sich überfressen hatte.

Charles I., der beeindruckt war von der Weisheit des alten Bauern und seinen Tod sehr bedauerte, ordnete an, dass er seine letzte Ruhestatt in der Westminster-Abtei haben solle, wo sein Grab noch heute zu sehen ist.

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