Café Overbeck in Essen

Eine unerwartet süße Begegnung im „Kranzler“ des Ruhrgebietes
Von Johanna Renate Wöhlke
In der Fußgängerzone in der Kettwiger Straße in Essen: das Café  OverbeckKöstliche Kuchen ziehen mich magisch an. Das wird seine Gründe haben. Einer davon könnte sein, dass ich aus einer ostpreußischen Familie stamme, in der immer gut und reichlich gekocht, gebraten und gebacken worden ist. Wer jemals Kontakt zu Ostpreußen hatte, weiß wovon ich rede. Fast bog sich die Tafel unter den angebotenen Köstlichkeiten, wenn gefeiert wurde. Dazu gehörten Kuchen und Torten – unvergesslich!

Die Kuchen meiner Mutter waren legendär und wenn sich Weihnachten näherte, häuften sich die Nachfragen der Hamburger Freundinnen nach ihrer Mohnrolle. So stand Mutter also am Heiligen Abend zu Bäckerszeiten in der Nacht auf, um ihre Mohnrollen rechtzeitig in den Ofen zu bekommen. Es waren ihre persönlichen Weihnachtsgeschenke. Gute Bäcker und Konditoren sind zwangsweise Nachtschwärmer. Das müsste eigentlich jeder im Sinn haben und würdigen, wenn er morgens oder im Laufe des Tages frische Brötchen und Kuchen isst.
Die elegante Wendeltreppe beherrscht den Innenraum
All diese Gedanken gingen mir blitzartig durch den Kopf, als ich in Essen war, drei Stunden Zeit hatte und mir eine Sekretärin empfahl: „Wenn Sie können, gehen Sie ins Café Overbeck. Da muss man in Essen hingehen, wenn man Kuchen mag!“ Ich sagte schon: Köstliche Kuchen ziehen mich magisch an. Da macht es auch nichts, vormittags um elf Uhr unterwegs zu sein.

Der frühe Frühling hatte auch in der Kettwiger Straße 15 schon einige Unerschrockene an die Tische ins Freie gelockt. Ich ziehe es vor, mir drinnen einen Platz zu suchen. Mich empfängt die Atmosphäre eines gepflegten Kaffeehauses im klassischen Stil. Ich sehe viel Grün, Messing, Teppichware, Sessel, glitzernde Hängelampen, eine repräsentative Wendeltreppe in der hinteren Mitte führt in die oberen Stockwerke. Eine solche Atmosphäre habe ich mir angewöhnt „gnadenlos gemütlich“ zu nennen. Alles lädt zum Verweilen ein. Wer hier keinen Appetit auf köstliche Torten bekommt und sich in Gedanken nicht stundenlang an seinem Kaffee, seinem Tee und seinem Kuchen festhalten möchte, ist viel zu schnell unterwegs. Dies ist ein Ort zum Entschleunigen. Die lange Tortenreihe unter der glitzernden  Glastheke zur Rechten habe ich bemerkt. Es wird eine Qual-der-Wahl-Entscheidung werden.

Overbecks vielgeliebte Leckerei: die Cremeschnitte Im ersten Stock angekommen, suche ich mir eines der kleinen Sofas mit dem guten Rundblick aus. Das Vergnügen kann beginnen. An der langen Tischreihe am Fenster vor mir haben schon einige Gäste Platz genommen. Ein älterer Herr scheint eine Verabredung mit einer Dame zu haben, die er noch nicht lange kennt. Er redet viel. Schon nach wenigen Minuten weiß ich, dass er ein gutes Gedächtnis hat und sich noch an alle Namen aus seiner früheren Firma sehr gut erinnern kann. Die Dame ihm gegenüber ist mit irgendeiner Köstlichkeit beschäftigt, die eine Schokoladenglasur hat.

Ich frage die sehr aufmerksame Kellnerin im schwarzen Rock und weißer, kleiner Spitzenschürze nach einer Spezialität des Hauses. „Unsere Cremeschnitten“, sagt sie, und ich bin sehr einverstanden. Als sie meine Cremschnitte serviert, klingelt bei einer Dame am Tisch ihr Handy mit der Melodie aus der Oper Carmen „Auf in den Kampf Torrero“. Einige Augenblicke später erscheinen drei weitere Damen auf der Treppe und setzen sich lachend zu ihr. Welche Art Kampf beginnt dort nun wohl? Er wird beim Bestellen entschieden werden, vermute ich.

ISchon seid ihrer Jugend plauschen sie im Café Overbeck, die  Geschwister Christl und         nzwischen haben rechts von mir zwei Damen mit einem kleinen Hund Platz genommen. Sie sind Schwestern, erfahre ich, und der Hund heißt Edgar. Edgar bekommt sofort von der Kellnerin eine Hundeschüssel mit Wasser und freut sich. Die beiden Damen, Christl und Bärbel Sommer, erzählen mir, dass sie sich immer im Café Overbeck treffen: „Wir waren schon als Mädchen hier. Overbeck ist Tradition!“

Das erfahre ich auch aus dem Mund von Friedrich Magenau, seit 35 Jahren bei Overbeck und Geschäftsführer. „Wir sind das Kranzler des Ruhrgebietes!“, erklärt er stolz und hat mir einen Zettel mit den Tortennamen des Hauses mitgebracht. Es ist alles dabei, von der Käse- und Apfeltorte bis hin zu einer Trüffeltorte, einer Prinz-Heinrich-Torte, Himbeer-Vanille, Walnuss, Mousse-Choco …Ich bleibe mit den Augen an der Pfauenaugentorte hängen und beginne, mir in selbstquälerischer Weise zu vergegenwärtigen, dass ich nur einen Magen habe und lange nicht genug Zeit, um diese Köstlichkeiten zu probieren – ich  habe 25 Torten gezählt.
Seid 35 Jahren bei Overbeck: Geschäftsführer Friedrich Magenau
Das Café Overbeck ist 1932 von Ewald Overbeck in der Limbecker Straße gegründet worden und zog 1955 an seinen heutigen Standort in der Fußgängerzone in der Kettwiger Straße 15, berichtet Magenau weiter. Es befindet sich in der dritten Generation in der Familie – und Tradition scheinen auch die Vornamen der Chefs zu symbolisieren, es sind nach Ewald die Vornamen Egon und Eckard. Dazu passt wie bestellt der Vorname des kleinen Terriers Edgar, der noch immer ruhig und aufmerksam in die Gegend schauend neben den beiden genießenden und plaudernden Schwestern sitzt und ab und zu aus seinem Wassernapf schlabbert.

Overbeck sei bekannt für seine Spezialitäten, berichtet Magenau weiter. Das sind nicht nur die Torten, sondern auch die Pralinen. Ein beliebtes Mitbringsel ist das „Ruhrkohlesäckchen“, ein Beutelchen mit verschiedenen Pralinen in schwarzem Staniol und einer Pastete in Form eines UNION-Briketts.

IDie Pfauenaugentorte ist ein Sinnenschmausnzwischen hat sich das Café noch mehr gefüllt. Der Herr mit dem guten Gedächtnis ist verstummt und hört der Dame zu. Ich stelle mit Bedauern fest, dass auch meine Zeit sich dem Ende zuneigt. Friedrich Magenau begleitet mich nach unten und zieht sich für das Foto seinen blitzweiß sauberen Kittel aus. Ich fühle mich nostalgisch verwöhnt, süß und zuckrig durch Konditorkunst in den Arm genommen und würde gern am Zucker kleben bleiben – aber der Tag geht weiter und hinterlässt die Erinnerung an einen guten Platz in Essen, den ich wieder aufsuchen will, wenn ich wiederkommen werde.                          Die Pfauenaugentorte muss noch probiert werden –  bei ihrem Aussehen kann sie wahrscheinlich sogar mit Mutters ostpreußischer Mohnrolle konkurrieren…

Ein Gedanke zu „Café Overbeck in Essen“

  1. Ein schönes Kaffee mit dem Flair der 50er Jahre, aber leider nicht mit dem erwarteten. Service. Auf die Bedienung musste man ewig lang warten und – was heute fast überall der Fall ist, das bestellte Getränk und der Kuchen werden im Abstand von 15 Minuten serviert. Der Kaffee ist schon kalt oder aufgegessen, wenn dann endlich der Kuchen kommt. Das eigentliche Kerngeschäft eines Kaffeehauses wird leider nicht mehr beherrscht. Deutschland ist zwischenzeitlich eine Servicewüste. Leider!

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