Kampf um »ein paar eisige Felsen«

Vor 25 Jahren, am 2. April 1982, begann mit der argentinischen Eroberung der gleichnamigen Inseln der Falklandkrieg

Von Manuel Ruoff

Nicht nur dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan erschien es als ein kaum faßbarer Antagonismus, daß in der Hochzeit des Kalten Krieges zwischen der freien Welt und dem sozialistischen Lager zwei dem Westen zuzurechnende Staaten einen konventionellen Kabinettskrieg führen. Möglich war dieser Krieg wohl auch nur deshalb, weil weder die argentinische noch die britische Regierung sich hatten vorstellen können, daß die jeweils andere Seite wegen ein „paar eisiger Felsen“, wie Reagan das Streitobjekt ebenso plastisch wie geringschätzig nannte, zu militärischer Gewalt greifen würde – und beide es trotzdem taten, um von innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken.
Obwohl die von den Briten Falklands und den Argentiniern Malwinen genannte Inselgruppe vor der Küste Argentiniens liegt und von Argentinien seit der Erlangung seiner Unabhängigkeit im Jahre 1810 beansprucht wird, befinden sich die Inseln seit der Besetzung durch die Briten im Jahre 1833 in deren Hand. Auf die Forderungen der argentinischen Regierung reagierte die britische lustlos. Sie konnte sich ein militärisches Vorgehen der unterlegenen Macht nicht vorstellen und sah deshalb keinen Grund, auf die Ansprüche einzugehen. Die argentinische Regierung wiederum interpretierte die britische Lustlosigkeit als Desinteresse an den Inseln und konnte sich nicht vorstellen, daß die Engländer nach dem Zeitalter der Entkolonialisierung noch um eine rund 13000 Kilometer entfernte „Kolonie“ kämpfen würden. Die Argentinier schlugen deshalb zu.
Am 2. April 1982 landeten sie mit bis zu 5000 Mann auf der Inselgruppe. Die überraschte keine 80 Mann starke Royal-Marines-Einheit wurde schnell überrumpelt. Die durch den Verlust des Empires gequälte und sensibilisierte britische Volksseele war gekränkt. Da die britische Royal Navy im Gegensatz zur Regierung ihrer Majestät auf diesen Fall vorbereitet war, konnte Großbritannien relativ schnell reagieren. Innerhalb weniger Tage stellten die Engländer um ihre beiden Flugzeugträger „Invincible“ und „Hermes“ einen Flottenverband zusammen. Am 5. April verließ eine Expeditionsflotte Großbritannien, der ungefähr die Hälfte der Royal Navy angehörte. Vor ihr lagen die bereits erwähnten rund 13000 Kilometer. Bei der Überwindung dieser großen Strecke half dem Briten, daß die US-Amerikaner ihnen den etwa auf halbem Wege, zwischen Afrika und Südamerika gelegenen Stützpunkt Ascension zur Verfügung stellten.
Obwohl die argentinische Kriegsmarine nur halb so groß war wie die britische Task Force, lief sie am 27. April aus, um sich zum Kampfe zu stellen. Zu einer Seeschlacht kam es jedoch nicht. Die Briten wichen Richtung Osten aus, um sich nicht Luftangriffen von Maschinen des argentinischen Flugzeugträgers „Veinticinco de Mayo“ auszusetzen, und die Argentinier brachen die Aktion wegen U-Bootgefahr ab.
Bereits am 26. April war aus Argentiniens südlichstem Hafen
Ushuaia der Kreuzer „General Belgrano“ ausgelaufen. Er hatte laut argentinischen Darstellungen die Aufgabe, die Küste von Feuerland zu verteidigen und das Vordringen britischer Kräfte aus dem Pazifik in den Altlantik um das Kap Hoorn zu verhindern. Am 2. Mai wurde das Kriegsschiff von dem hier kreuzenden britischen U-Boot „Conqueror“ torpediert und versenkt. Unabhängig von der Frage, ob Argentinien einen moralischen Anspruch auf die vor seiner Küste liegenden Inseln hat und Englands Festhalten an den 13000 Kilometer entfernten Inseln kolonialistisch ist, muß man konstatieren, daß die Eroberung der Inselgruppe mit Waffengewalt als kriegerischer Akt zu werten ist, der es Großbritannien erlaubte, argentinisches Militär als militärischen Gegner zu behandeln.
Trotzdem gilt die Versenkung der „General Belgrano“ als die umstrittendste Entscheidung des ganzen Krieges. Das hat vielfältige Gründe. Unter den rund 1000 Mann Besatzung, von denen rund ein Drittel den Untergang des Schiffes nicht überlebte, waren 300 frisch eingezogene Kadetten mit einem Durchschnittsalter von 18 Jahren. Bei dem Zusammentreffen zwischen dem Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg und dem modernen britischen Atom-U-Boot herrschte keine Waffengleichheit. Das Schiff sollte sich nicht an der Jagd auf die britische Task Force beteiligen. Der Kreuzer befand sich wie die gesamte argentinische Flotte auf dem Rückweg, als er torpediert wurde. Die „Belgrano“ befand sich nicht in der 200-Seemeilen-Zone um die Inselgruppe, welche die Briten zur „Total Exclusion Zone“ (TEZ), zur militärischen Sperrzone erklärt hatten. Zudem hätten die Engländer, so ein Vorwurf, spätestens mit ihrem zweiten Torpedo nicht mehr die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt. Der Umgang der britischen Presse mit dem tragischen Untergang verstärkte den Vorwurf der unverhältnismäßigen Kampfesführung. Teilweise wird sogar soweit gegangen, den Kriegszustand nicht schon mit der Eroberung der Inselgruppe durch die Argentinier, sondern erst mit der Versenkung der „Belgrano“ durch die Briten als „momento belli“ der Auseinandersetzung beginnen zu lassen.
Am politisch schwerwiegendsten ist der Vorwurf, die Briten hätten mit der Versenkung der „General Belgrano“ einen möglichen Verständigungsfrieden verhindern wollen. Der Präsident des eher argentinienfreundlichen Peru, Belaúnde Terry, hatte mit dem Außenminister der eher englandfreundlichen USA, Alexander Haig, einen Friedensplan erarbeitet. Dieser Plan sah einen sofortigen Waffenstillstand, einen Rückzug des Militärs der Kontrahenten und eine Internationalisierung des Konfliktes beziehungsweise seiner Lösung vor. Am 2. Mai um 13 Uhr erklärte der argentinische Außenminister, Costa Mendez, daß man am Rande einer Einigung stehe. Gegenüber Terry sagte Mendez, er sei fast sicher, daß seine Regierung, die sich um 19 Uhr treffe, zustimmen werde. Eine Stunde später, um 14 Uhr, erhielt die „Conqueror“ direkt aus London den Befehl, die „General Belgrano“, die das U-Boot 46 Stunden zuvor das erste Mal geortet hatte, wovon das Hauptquartier der Royal Navy in der britischen Hauptstadt seit mindestens 25 Stunden wußte, zu torpedieren. Um 15.57 Uhr wurde der Befehl ausgeführt. Um 17.01 Uhr sank der von den zwei U-Boot-Torpedos getroffene Kreuzer. Das Tischtuch war zerschnitten, die politische Verhandlungslösung vom Tisch, der für die Wiederwahl Maggie Thatchers zur Premierministerin wichtige Siegfrieden wieder möglich.
Neben dem politischen hatte die Versenkung der „General Belgrano“ für die britische Seite noch einen militärischen Vorteil. Die argentinische Kriegsmarine traute sich nicht mehr aus ihren Häfen heraus. Der Royal-Navy-Oberbefehlshaber hatte es erkannt: Nachdem es der Kriegsmarine des Gegners das Herz aus dem Leib gerissen hatte, so sein plastisches Bild, hatte es seine Navy nun „nur“ noch mit der argentinischen Luftstreitkräften zu tun.
Anders als bei den Schiffen waren die Briten den Argentiniern bei den Flugzeugen jedoch zumindest mengenmäßig unterlegen, da der britischen  Expeditionsflotte fast nur die um einige Maschinen der Royal Air Force aufgestockten Trägermaschinen der beiden Flugzeugträger zur Verfügung standen. So gelangen den argentinischen piloten denn auch einige aufsehenerregende Luftangriffe. Außer mit vergleichsweise einfachen Freifallbomben und ungelenkten Raketen griffen diese die britischen Schiffe auch mit Luft-Schiff-Raketen des Typs Exocet an. Diesen Flugkörpern aus französischer Produktion standen die Briten ziemlich rat- und wehrlos gegenüber. „Die Russen haben keine Exocet“, begründete ein hoher Offizier der Royal Navy diese relative Rat- und Wehrlosigkeit. Zwei Tage nach dem Untergang der „General Belgrano“ gelang es den Argentiniern, in einem Vergeltungsangriff den Zerstörer „Sheffield“ so verheerend in Brand zu schießen, daß er acht Tage später sank. Diesem wohl spektakulärsten Erfolg der argentinischen Flieger folgten weitere, doch waren es nicht genügend, um kriegsentscheidend zu werden. Abgesehen davon, daß es den Luftwaffenpiloten an Erfahrung und Ausrüstung zum Einsatz auf hoher See mangelte, war der Weg von den Flugplätzen zur britischen Flotte derart lang und die Reichweite der Flugzeuge derart kurz, daß nur wenig Zeit für die Bekämpfung des Gegners blieb.
Am 21. Mai wagten die Briten die Landung an der Westküste der Hauptinsel Ostfalkland. Da die argentinischen Truppen einen direkten Angriff auf die Hauptstadt Port Stanley auf der anderen Seite der Insel erwartet hatten und die argentinischen Luftangriffe sich auf die britische Flotte konzentrierten, ging die Landung vergleichsweise ungestört vonstatten. Die britischen Landungstruppen waren den rund 15000 argentinischen Verteidigern zwar zahlenmäßig unterlegen, doch stand hier eine gut motivierte und trainierte Berufsarmee mit der technischen Ausrüstung eines wohlhabenden Industriestaates einer vergleichsweise schlecht ausgerüsteten und mangelhaft verpflegten Truppe aus unerfahrenen Wehrpflichtigen gegenüber. Die Elitetruppen hatte man dem Schutz der Grenze zum vermeintlichen Erbfeind Chile vorbehalten.
Am 14. Juni kapitulierten die Argentinier. Der Status quo ante war wieder hergestellt. Heute ist Argentinien – auch wegen des Scheiterns des Falkland-Malwinen-Abenteuers der damaligen Militärjunta – wie Großbritannien eine Demokratie, und man verzichtet darauf, auf internationalem und bilateralem Bankett Salz in die Wunden zu streuen, aber nach wie vor beansprucht Argentinien die Inseln – und die Briten sind sofort darangegangen, die Inselgruppe als Festung auszubauen. Ein Fait accompli wie am 2. April 1982 reicht ihnen.

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