Krawutzi Kaputzi

Text und Fotos:  Johanna Renate Wöhlke

Das Kabarett Simpl   „Premierenstimmung auf der Straße“

Krawutzi Kaputzi

oder Ein Stückl Glück vom Glück

Eine umjubelte Musical-Premiere im Kabarett Simpl in Wien

Eine neue Form des Puppenspiels ist dabei, sich die Welt zu erobern: zuerst in Amerika mit dem Musical „Avenue Q“ – seit 2003 als off-Broadway im Vineyard Theatre in New York, dann am Broadway im Golden Theatre und in Las Vegas. Die Europa Premiere wurde im vergangenen Jahr im Londoner West-End im Noel Coward Theatre gefeiert. Das Hamburger Spiel mit Mensch und Puppe heißt „Villa Sonnenschein“ und ist im Schmidt Theater erfolgreich.

  „Minki erzählt es der Gans Mimi und der Maus Fips: Es ist  Liebe!“

Die Wiener Premiere von „Krawutzi Kaputzi“ im Kabarett Simpl setzt diese Erfolgsgeschichte nun mit  einem österreichischen Musical fort, geschrieben und komponiert von dem jungen Wiener Autor Johannes Glück.

Begeisterte Premierenkritiken in Wien lassen auch hier vermuten, dass dieses Zusammenspiel zwischen Mensch und Puppe noch lange nicht am Ende seiner Möglichkeiten angelangt ist. „Geiles Gipfeltreffen im tiefen Tal der Puppen“ und „Was für ein Theater“ lobten die Kritiken in Wien nach der Premiere. Schauspieler, die mit ihren Puppen auf der Bühne als Einheit agieren – schauspielende Puppenspieler oder puppenspielende Schauspieler – das macht den großen Reiz all dieser Inszenierungen aus, so auch in Wien. Das Spiel auf der Bühne verdoppelt sich, bietet in jeder Sekunde doppelte Möglichkeiten – faszinierende Bedingungen für Schauspieler, Dramaturgie und Regie und damit auch für die Augen der Zuschauer.

  „ Ein erstes Interview nach der Premiere für das ORF mit Johannes  Glück“

Johannes Glück lernte „Avenue Q“ während eines zweijährigen Musical- und Theater Workshops in New York kennen und hätte „Avenue Q“ gerne ins Deutsche übersetzt. Dann ergab sich aber die Möglichkeit, in seiner Stadt mit dem Team des Kabarett Simpl etwas Eigenes für Wien auf die Beine zu stellen. Regisseur Werner Sobotka: „Andere Menschen in unserem Alter retten Leben, bauen Brücken oder erstellen langfristige Finanzierungspläne für internationale Großunternehmen. Wir spielen mit Puppen. Also ehrlich gesagt hab ich das schon in meiner Kindheit gemacht. So richtig mit Kasperltheater.“ Daher auch der leicht wütend und zornig zu verstehende Ausdruck „krawutzi kaputzi“.

Die Wiener sind theaterverrückt. Sie vergöttern ihre Stars. Wahrscheinlich ist nirgendwo in Europa die Theaterkunst so sehr ein selbstverständlicher Bestandteil der täglichen Kultur wie in Wien. Diese Kultur ist zu fühlen, zu greifen. Sie verbandelt auch bei „Krawutzi Kaputzi“ mit Charme und Wiener Schmäh die Macher und Konsumierer mit den Objekten dieser Kunst: dem Leben und den Menschen des Wiener Stadtteils Meidling: nicht fein, nicht edel, nicht hochkultiviert – und mit dem ganz besonders kehligen „L“.

„Das Zugreifen ist doch der natürlichste Trieb der Menschheit. Greifen Kinder nicht nach allem, was ihnen in den Sinn fällt?“ Diese Goetheworte in Kopf und Sinn erlauben auch dem geneigten und eher operngewohnten Wiener Zuschauer von „Krawutzi Kaputzi“, das Meidling-L in diesem Musical zu belächeln und zu belachen und die natürlichen Triebe der Menschen in ihrem facettenreichen Spiel auf der Bühne des Simpl zwischen handfestem Zugreifen und schicksalhaftem Begreifen – denn es geht alles andere als gut bürgerlich zu im „Sozialdrama Krawutzi Kaputzi“ mit „strengstem Jugendverbot“. Du kannst nicht anders als zu lachen und doch tut dir das Herz weh.

    „Sie begeisterten mit ihrem Spiel: Otto Jaus als Pezi und  Sigrid Spörk als Minki“

Die Katze Minki und der Bär Pezi durchleben Irrungen und Wirrungen, bevor sie zueinander finden. Sie waren vor Jahren verliebt und haben sich aus den Augen verloren. Jetzt ist Minki auf der Suche nach einem Mann „den i ma nimmer aus mein Leben wegdenken kann“. Pezi hat seit seinem sechzehnten Lebensjahr schon 998 one night stands gehabt, will sich eigentlich noch nicht binden und ist eher auf der Suche nach dem 999sten und 1000sten one night stand: „Erst die Lilly, dann die Doris, zwischendurch `ne Philip Morris“. Außerdem züchtet er in seinem Schlafzimmer Cannabis und hilft dem Großvati in seiner „trafik“, einem Tabakwarenladen.

  „Ein glücklicher Autor zwischen zwei neuen Fans, den Wienerinnen  Gabriela Frisch (links) und Ilse Grill“

Wenn die beiden am Ende zusammenkommen, haben auch alle anderen gelernt, mit ihren natürlichen Trieben beim Begreifen und Ergreifen ihres Schicksals irgendwie zurechtzukommen: die Maus Fips als schwuler Aktienanalyst; die Gans Mimi als erfolglose Chansonette im Klimakterium mit ihrem ebenfalls erfolglosen Gatten, dem Drachen Dagobert, der sich aber gerne Pornos im Internet anguckt; Herr Helmi, depressiv und spielsüchtig; die Obdachlosen Kasperl und Tintifax, die sich mit legalen und illegalen Jobs durchs Leben schlagen; der auf junge knackige Mädchen stehende Zwerg Bumsti und seine scheidungswillige und enttäuschte Frau Maus.

Der liebenswürdige, Cannabis rauchende Großvati stirbt im Verlauf der Geschichte. Diese Erfahrung und die Trauer helfen seinem Enkel Pezi auf den Weg der Liebe: „Es geht immer irgendwie weiter im Leb`n“ – und ohne Herrn Özgül, der als einzige Figur keine Puppe spielt, wäre diese ganze Meidlinger Milieustudie mit Musik, Herz, Humor, viel Wiener Schmäh, Charme und Romantik sowieso nicht zu denken. Zwanzig Jahre lang lebt Özgül schon in Wien. In seinem Dönerimbiss und Internetcafé  ersetzt dessen Theke das Freudsche Sofa, ist quasi eine Therapietheke für Liebe, Laster und Leiden in Meidling geworden. Handfester Originalton Özgül als Ratschlag für`s Leben: „Man muss sagen wie ist“!

  „Ende gut, alles gut“

Ein begeistertes Premierenpublikum applaudierte lange. Zwei „theaterverrückte“ Wienerinnen, Gabriela Frisch und Ilse Grill – sie gehen bis zu zehnmal im Monat ins Theater – waren sich einig: „Bezaubernde Puppen gespielt von wunderbaren Schauspielern, tolle Pointen, aktuelle Themen und Probleme aufgenommen. Eigentlich ist die beschriebene tägliche Realität ja furchtbar traurig und das Lachen gefriert manchmal im Hals, denn es ist nicht witzig, dass Menschen so sind und so miteinander umgehen. Aber durch die Puppen gewinnt das alles eine solche Sensibilität und Sinnlichkeit, da ist das ganze Leben drin und keine Sekunde Langeweile!“ Mehr als Glück für den jungen Autor Johannes Glück, denn: Gibt es ein höheres Lob? Johannes Glück, den Namen wird man sich nun wohl merken müssen!

„Premierenstimmung auf der Straße“

die Darsteller:
Katze Minki – Sigrid Spörk, Bär Pezi – Otto Jaus, Grossvati – Ronald Seboth,   die Maus Fips – Roman Straka, die Gans Mimi – Susanne Altschul, Herr Helmi – Claudia Rohnefeld, Herr Özgül – Roman Frankl

das Team:
Werner Sobotka – Regie, Erwin Bader – musikalische Leitung, Bodo Schulte und Erika Reimer – Puppenherstellung, Petra Fibich – Bühnenbild und Puppenentwurf, Albert Schmidleitner – Produktion

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