Die Frau an der Seite des 99-Tage-Kaisers

Vor 165 Jahren kam die deutsche Kaiserin und preußische Königin Victoria in Großbritannien zur Welt
Von Manuel Ruoff
An Geist und edlem Wollen über den meisten Frauen ihrer Zeit, war sie die ärmste, unglücklichste Frau, die jemals eine Krone trug.“ Mit diesen Worten charakterisierte Wilhelm II. seine Mutter, die vorletzte deutsche Kaiserin und Königin von Preußen Victoria.
Die Princess Royal kam am 20. November 1840 als erstes Kind der britischen Königin Victoria und ihres deutschen Gemahls Albert zur Welt. Während die nicht sonderlich kinderliebe Queen ihren Regierungsgeschäften nachging, ging der Prinzgemahl in seiner neuen Vaterrolle auf. Vicky, wie die Prinzessin genannt wurde, war geistig sehr aufgeweckt, überdurchschnittlich intelligent sowie von rascher Auffassungsgabe und starker Willenskraft – und sie hatte in ihrem deutschen Vater einen sehr liebevollen, verständnisvollen, sensiblen Erzieher, der ihre außerordentlichen Fähigkeiten erkannte und förderte. Victoria
Dank ihrer geistigen Gaben und der Erziehung ihres Vaters war sie bereits als Zehnjährige in der Lage, den preußischen Prinzen Friedrich Wilhelm durch die Weltausstellung zu führen, die 1851 in London stattfand. Obwohl sie noch ein Kind war, wußte sie den fast doppelt so alten späteren Friedrich III. zu faszinieren und umgekehrt gefiel auch er ihr. So entwickelte sich eine Brieffreundschaft.
1855 sahen sie sich wieder. Der Preußenprinz war seit damals das erste Mal wieder auf der Insel und besuchte seine kleine Brieffreundin und deren Familie. Sofort stellte sich wieder zwischen dem hoch aufgeschossenen stattlichen Prinzen und der kleinen etwas pummeligen Prinzessin die alte Vertrautheit ein. Am 20. September bat Fritz, wie er im Familienkreis genannt wurde, die Queen und deren Ehemann um die Hand ihrer Tochter. Die beiden stimmten grundsätzlich zu. Zum einen war ihnen der Deutsche sympathisch, was einen angesichts des Aussehens und des Charakters Friedrich Wilhelms nicht verwundern kann. Zum anderen hoffte insbesondere der Prinzgemahl über eine Ehe auf die Innen- wie Außenpolitik Preußens Einfluß nehmen zu können. Auch Friedrich Wilhelms Eltern, der preußische Thronfolger Wilhelm und dessen anglophile Ehefrau Augusta, stimmten einer derartigen Verbindung des preußischen mit dem Königshaus der damals ersten der Großmächte zu. Allerdings mußte das glückliche Paar erst noch Vickys Konfirmation abwarten. Am 29. September einen Tag vor Fritz’ Abreise ins heimatliche Deutschland erfolgte die inoffizielle Verlobung, am 17. Mai 1856 die offizielle.
Am 25. Januar 1858 war es soweit. Auf Wunsch der Brauteltern fand die Hochzeit in der Kapelle des St.-James-Palastes statt. Die Reise des späteren Thronfolgerpaares nach Preußen glich einem Triumphzug. In Berlin wurde das glückliche Paar vom Volk herzlich empfangen. Im konservativen, eher prorussischen Teil des politischen Spektrums herrschte jedoch eine gewisse Skepsis gegenüber der „Engländerin“, wie Victoria dort gerne genannt wurde. Otto von Bismarck, der sich später vom Skeptiker zum Kritiker und Gegner Victorias entwickelte, formulierte es wie folgt: „Sie fragen mich, was ich zu der englischen Heirat sage. Ich muß beide Worte trennen, um meine Meinung zu sagen; das Englische daran gefällt mir nicht, die Heirat aber mag ganz gut sein, denn die Prinzessin hat das Lob einer Dame von Geist und Herz … Gelingt es ihr, die Engländerin zu Hause zu lassen und Preußin zu werden, so wird sie ein Segen für das Land sein … Bleibt unsere künftige Königin auch nur einigermaßen Engländerin, so sehe ich unseren Hof von britischen Einflußbestrebungen umgeben … Bei uns wird britischer Einfluß in der servilen Bewunderung des deutschen Michels für Lords und Gemeine … den fruchtbarsten Boden finden … Wie wird das erst werden, wenn die erste Frau im Lande eine Engländerin ist!“
Bismarcks Befürchtung war nicht unbegründet. Die britische „Times“ mahnte die Princess Royal eindringlich, Herkunft und Heimatland nie zu vergessen, ihr Vater versuchte über sie Einfluß auf die preußische Politik zu nehmen und ihr geliebter und sie liebender Ehemann war ihr nicht nur an Geist, sondern auch an Willensstärke unterlegen. Und sie hatte ungeachtet der aufrichtigen Liebe zu ihrem Mann tatsächlich Heimweh nach Großbritannien. Das fing beim geliebten Vater an und endete bei den Bequemlichkeiten, die sie von dem damals modernsten Land der Erde kannte und in Preußen vermißte. Ungeschickterweise machte sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube und sprach von „zu Hause“, wenn sie England meinte.
Zur Kraftprobe zwischen Victoria und Bismarck kam es in der Battenberg-Affäre. Ihre 1866 geborene gleichnamige Tochter verliebte sich 1883 in den Fürsten von Bulgarien, Alexander von Battenberg, und wünschte ihn zu heiraten. Ihre Mutter und deren Mutter, die Queen, unterstützten ihre Heiratsabsicht. Der ehemalige Protegé des Zaren war diesem jedoch zu unabhängig geworden und deshalb in dessen Ungnade gefallen, und so wandte sich Bismarck aus Rücksicht auf die preußisch-russischen Beziehungen gegen die Eheschließung. Der Eiserne Kanzler setzte sich durch, einer der vielen Mißerfolge in Victorias Leben.
Trotz der britischen Unterstützung des Eheprojektes wäre es jedoch ungerecht, Victoria fehlende Loyalität und Liebe zu ihrer neuen Heimat, der Heimat ihres geliebten Mannes, vorzuwerfen. In einem Brief an ihre Mutter schreibt sie vor dem Hintergrund des Deutsch-Dänischen Krieges von 1864 über die Schleswig-Holstein-Frage: „… für uns Deutsche bleibt sie vollkommen einfach und durchsichtig. Für ihre Lösung sind wir gerne bereit, jedes Opfer zu bringen“. Und ein Vierteljahrhundert später, als deutsche Kaiserin und preußische Königin bezeichnete sie es als ihre Aufgabe, für ihren Mann „und sein liebes Volk dazusein“. Ein Mensch, den das Schicksal der Deutschen kalt läßt oder der sie gar ablehnt, äußert sich anders. Und wenn sich Victoria wie ihr Mann für eine Liberalisierung Preußens und Deutschlands nach britischem Vorbild einsetzen wollte, darf man ihr unterstellen, daß sie dabei das Wohl des Volkes im Auge hatte, dessen Landesmutter sie 1888, nach dem Tode ihres Schwiegervaters Wilhelm I., wurde.
Wilhelm II. erkannte zu Recht die Tragik, die in Victorias Leben lag, „daß ihr großer und reicher, ruheloser und so unendlich vielseitiger Geist vor der Unmöglichkeit stand zu säen, wie sie sich’s einst dachte, und zu ernten, was sie einst erhoffte“. Das lag nicht nur an ihrem Gegenspieler Bismarck. Es lag auch daran, daß es ihrem Mann nur 99 Tage vergönnt war, in Preußen und Deutschland zu herrschen, und daß er zu weich und loyal war, um vorher gegen seinen Vater entscheidenden Einfluß auf die Geschicke Preußens und Deutschlands zu nehmen. Aber vielleicht war es gerade diese Weichheit, Friedfertigkeit, Loyalität und Sensibilität, die diese kluge und willensstarke Frau zu ihm hinzog.
Zur nicht nur familiären Tragödie wurde, daß Victoria ausgerechnet auf Wilhelm II. als ihrem Erstgeborenen ihre Träume, Pläne und Hoffnungen projizierte. Bereits ein normales, sprich durchschnittliches Kind wäre wohl mit derartigen Erwartungen überfordert worden. Bei Wilhelm kam erschwerend hinzu, daß ihm bei seiner sehr schweren Geburt körperlicher und darüber hinaus möglicherweise auch noch geistiger Schaden zugefügt worden ist. Um so strenger war das Urteil der Mutter und um so drastischer die Maßnahmen der Eltern zur Behebung oder zumindest doch Kompensation dieser Schäden. Das Ergebnis war ein gestörtes Mutter-Kind-Verhältnis, das dazu führte, daß Kaiserin Victoria unmittelbar nach dem Tod ihres Mannes von ihrem Sohne jeglichen politischen Einflusses beraubt wurde.
Die trauernde Witwe zog sich in das fern dem Machtzentrum Berlin in Kronberg im Taunus gelegene Schloß Friedrichshof zurück, wo sie politisch einflußlos und weitgehend vergessen am 5. August 1901 verschied. Rückblickend schrieb Wilhelm II. über seine Mutter in seinen Erinnerungen: „Ich bin … überzeugt, daß eine spätere Geschichtsschreibung ihr einmal voll die Anerkennung zuteil werden lassen wird, die ihr im Leben versagt geblieben ist – versagt, wie so manches andere …“

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