»Alles klar auf der ›Andrea Doria!«

Vor 50 Jahren versank der Stolz der italienischen Handelsmarine nach einer Kollision mit der »Stockholm«
Von Manuel Ruoff
Man kann über die Italiener sagen, was man will, aber Chic haben sie. Das spiegelte auch die „Andrea Doria“. Der nach einem Nationalhelden aus alter genuesischer Adelsfamilie benannte Luxusliner war seit seinem Stapellauf im Jahre 1952 der Stolz der italienischen Nachkriegshandelsflotte.
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Mit seiner Größe von 29100 Bruttoregistertonnen, seiner Länge von 212 Metern, seiner Breite von 27 Metern, seinem Tiefgang von neun Metern, seinen zwei Turbinen à 30000 PS, die es 22 Knoten schnell machten, sowie seinen 500 Besatzungsmitgliedern und 1200 Passagieren war das Schiff im Vergleich zu den Ozeanriesen der Schiffahrtsgeschichte nicht unbedingt überwältigend, doch wußte dieses italienische Produkt durch Luxus und schnittige Eleganz sowie nicht zuletzt durch eine moderne Radaranlage zu überzeugen und war insofern Balsam für die im vorausgegangenen Weltkrieg besiegte Nation.
In der Nacht vom 25. auf den 26. Juli 1956 war das Turbinenschiff auf der Fahrt von seinem Heimathafen Genua nach New York. Nur noch gut 200 Seemeilen lagen zwischen dem Schiff und dem im Westen gelegenen Zielhafen. Von dort kam der mit 12600 Tonnen ungleich kleinere schwedische Passagierdampfer „Stockholm“, der Kopenhagen ansteuerte. Gemäß internationaler Gepflogenheit hätte die Route des Schweden, da er von Westen kam, zehn Meilen südlich jener des aus dem Osten kommenden Italieners liegen müssen. Diese Schiffsroute war jedoch nur von einem Routeabkommen empfohlen worden, und Schweden war dem Abkommen nicht beigetreten. Fakt ist, daß die Route der „Stockholm“ statt zehn Meilen südlich etwas nördlich jener der „Andrea Doria“ lag, um den Weg nach Skandinavien zu verkürzen. Erschwerend kam hinzu, daß Nebel herrschte.
Als sich nun die beiden Schiffe näherten, kam es auf deren beiden Kommandobrücken zu fatalen Fehleinschätzungen. Piero Calamai, der Kapitän des auf der etwas südlicheren Route fahrenden italienischen Schiffes, wollte den Abstand zwischen den beiden Routen vergrößern und ließ deshalb Richtung Süden, Richtung Backbord steuern. Gunnar Nordensen, der Kommandant des schwedischen Dampfers, hingegen verhielt sich so, wie er sich entsprechend den internationalen Vorschriften zu verhalten hatte, wenn ihm auf seiner Route ein Schiff entgegenkam: Er ließ Richtung Steuerbord steuern, sprich auch Richtung Süden.
Die „Andrea Doria“ war etwas schneller, und das Ergebnis war, daß die „Stockholm“ mit ihrem Eisbrecherbug in die rechte Flanke des Italieners stieß. Statt nun wie ein Pfropfen in der Flasche mit dem Bug in der Flanke der „Andrea Doria“ zu verharren, nahm das Unglück seinen Lauf. In der Hoffnung, das Unglück noch im letzten Moment verhindern zu können, war bereits vor dem Rammen auf der „Stockholm“ das Kommando „Volle Kraft zurück“ ertönt. Nun wühlte sich die
„Stockholm“ mit ihrem Bug aus dem Schiffskörper der „Andrea Doria“ heraus und hinterließ eine Wunde, die etwa 18 Meter breit, 14 Meter hoch und zehn Meter tief war.
Dieses Leck war für die „Andrea Doria“, obwohl sie ungleich größer war, ein viel fataleres Ergebnis des Zusammenstoßes als der eingedrückte Bug für die „Stockholm“. Die Pumpen der „Andrea Doria“ waren außerstande, das gesamte durch das Leck in den Schiffskörper strömende Wasser herauszupumpen, und das Schiff gewann immer mehr Schlagseite, legte sich immer mehr nach Steuerbord.
Um 23.21 Uhr funkte die „Stockholm“: „An alle: Wir sind mit einem anderen Schiff zusammengestoßen. SOS – SOS – SOS.“
Während sich die Situation der „Andrea Doria“ kontinuierlich verschlechterte, war die „Stockholm“ noch so seetüchtig, daß sie eine Stunde später der „Andrea Doria“ funkte: „Lassen Sie Ihre Boote zu Wasser. Wir können Sie aufnehmen.“ Das war jedoch einfacher gesagt als getan, denn die Schlagseite war derart stark, daß die Rettungsboote auf der Backbordseite nicht heruntergelassen werden konnten, da zwischen den Booten und dem Meer der Schiffsrumpf lag. Die Boote an der Steuerbordseite konnten jedoch nur 1004 der insgesamt 1706 Menschen aufnehmen. Daß trotzdem die Zahl der Opfer nicht in die Hunderte ging, lag an der Hilfe von außen.
Um 0.38 Uhr meldete sich der Dampfer „Cap Ann“ per Funk beim Havaristen: „Befinden uns jetzt zwischen beiden Schiffen. Rettungsboote bereit. Haben zwei Boote.“
Nachdem auf der „Stockholm“ festgestellt worden war, daß wohl das Querschott hält und die eigenen Rettungsboote nicht gebraucht werden, ließ deren Kapitän die „Andrea Doria“ wissen: „Wir lassen alle verfügbaren Rettungsboote zu Wasser.“
Um 1.50 Uhr traf die bereits avisierte „Ile de France“ ein, ein Ozeanriese, der mit seinen 43450 Bruttoregistertonnen fast eineinhalbmal so groß wie die „Andrea Doria“ war. Mit seinen Rettungsbooten und Unterbringungsmöglichkeiten für 600 Mann Besatzung und 1600 Passagiere kam diesem Fahrgastschiff eine Schlüsselrolle bei der Rettungsaktion zu. Um 2.20 Uhr teilte die „Ile de France“ per Funk mit, daß sie zehn Boote im Wasser habe.
Während die Hilfe von außen größer wurde, wurde die Situation auf der „Andrea Doria“ brenzliger. Um 2.14 Uhr funkte sie an alle, daß sie „starke Schlagseite“ habe und der Funkverkehr wahrscheinlich nur noch kurze Zeit aufrechterhalten bleiben könne. Unter den Passagieren machte sich die Erkenntnis des Ernstes der Lage breit. Über Strickleitern, umfunktionierte Gepäcknetze und Seile kletterten sie nun in großer Zahl in die mittlerweile herbeigeeilten Rettungsboote.
Um 4.38 Uhr gab die „Ile de France“ das Ende der Rettungsaktion bekannt: „Alle Passagiere gerettet. Fahren mit äußerster Kraft nach New York. Keine weitere Hilfe mehr nötig.“ Das US-amerikanische Küstenwachschiff „Nujm“ fing den Funkspruch auf und leitete ihn an alle Welt weiter.
Während die „Stockholm“ sich aus eigener Kraft nach New York schleppte, versuchte der Kommandant der „Andrea Doria“ mit 19 Mann Restbesatzung das Unabwendbare abzuwenden. Er forderte zwei Marineschlepper von
Rhode Island an, um sein Schiff abzuschleppen. Schließlich erkannte jedoch auch er die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens. Nachdem er zuvor von seinem Handelsmarineminister den Befehl erhalten hatte, das Schiff zu verlassen, falls weiteres Verbleiben sein Leben gefährdet, und er bereits acht Mann von Bord geschickt hatte, verließ er mit den verbliebenen elf Mann sein Schiff und folgte dem Signal des Kommandanten des US-Truppentransporters „William Thomas“, der mittlerweile den Oberbefehl über die Bergungsaktion übernommen hatte: „Kommen Sie breitseits. Wir übernehmen Sie an Bord.“ Der Havarist hatte mittlerweile derart stark Schlagseite, daß das Wasser schon die Bordwand überflutete.
10.09 Uhr funkte die Küstenwache: „,Andrea Doria‘ sinkt rasch; Kapitän und einige Offiziere kämpfen bis zuletzt um ihr Schiff, sind von Bord gegangen. Sie sinkt, nur das Heck ist noch zu sehen.“ Drei Minuten später erfolgte der finale Funkspruch „,Andrea Doria‘ ist gesunken. Elf Mann und der Kapitän als letzte aufgenommen.“
Abgesehen von diesem materiellen Verlust hat die Kollision der beiden Passagierschiffe 55 Menschen das Leben gekostet, 50 von der „Andrea Doria“ und fünf von der „Stockholm“.
Einer der letzten Funksprüche der „Andrea Doria“ soll „Alles klar auf der ,Andrea Doria‘!“ gelautet haben. Udo Lindenberg machte die angesichts des Schicksals des Schiffes makaber klingenden Worte mit seinem gleichnamigen Lied berühmt. Über Geschmack läßt sich streiten, doch hat er damit der „Andrea Doria“ ein Denkmal gesetzt, das auch nach 1956 geborene Deutsche mit dem Namen etwas anfangen läßt.

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