Alte Tugend neu entdeckt

erschienen im Hamburger Abendblatt am 17. August 2011

Eine Glosse von Uta Buhr

„Höflichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“, texteten wir noch in Schulzeiten, wenn einer der Klassenkameraden mal wieder die Regeln des Anstands verletzte. Das hieß in der „guten alten Zeit“ der fünfziger und sechziger Jahre zum Beispiel noch, dass er sich einen Bleistift ausgeliehen oder sich auf den angestammten Platz eines anderen gesetzt hatte, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen.

Doch was sind diese „Sünden“ im Vergleich zu den rüden Sitten unserer Tage! Da wird gerempelt und geschubst, da wird in öffentlichen Verkehrsmitteln hemmungslos gegähnt und geniest, ohne dass das Gegenüber auch nur im Traum daran dächte, die Hand vor den Mund zu halten. Doch all dies soll ja nun bald der Vergangenheit angehören. Man benimmt sich wieder, lautet die Parole. Rücksichtslosigkeit und Unhöflichkeit haben ihren Zenit überschritten, erzählte mir gerade eine befreundete Lehrerin, die ihre Schüler auf die alten Tugenden einstimmt. Und das mit Erfolg, wie sie stolz berichtet. „Das Pendel schlägt jetzt wieder in die andere Richtung“, erklärt sie. „ Gutes Benehmen ist in.“ Continue reading „Alte Tugend neu entdeckt“

Der erste bürgerliche Reichskanzler

Von Dr. Manuel Ruoff

Die Kanzlerschaft von Georg Michaelis blieb eine Episode – Auf Druck der Reichstagsmehrheit wurde sie beendet

Gerne wird als ein Grund für das Scheitern der Weimarer Republik angeführt, dass die Parteien heillos zerstritten gewesen seien, weil sie aufgrund einer angeblich fehlenden parlamentarisch-demokratischen Tradition in Deutschland lange von der Macht ferngehalten und deshalb nie gezwungen gewesen seien, konstruktiv und kompromissbreit in der politischen Regierungsarbeit zusammenzuarbeiten. Hinsichtlich Reichskanzler Georg Michaelis gab es diese Zerstrittenheit allerdings nicht.

Zweifel an der Qualifikation des am 8. September 1857 im schlesischen Haynau geborenen und am 24. Juli 1936 im brandenburgischen Bad Saarow gestorbenen Beamtensprosses und Beamten Georg Michaelis für das Amt des Regierungschefs des damals um seine Existenz kämpfenden Deutschen Reiches gab es in allen Lagern. Da war kaum einer, der ein gutes Haar an Michaelis’ kurzer Kanzlerschaft des Jahres 1917 ließ. Es ist schlichtweg ein Phänomen, wie ein Mann ohne blaues Blut, den der Kaiser nicht kannte, der kein Politiker war und dem die auswärtigen Beziehungen fremd waren, in einer der schwersten Stunden des Kaiserreiches dessen Kanzler werden konnte. Continue reading „Der erste bürgerliche Reichskanzler“