Leidenschaft für Schnupftabak und Kartenspiel
Gedenken zum 250. Geburtstag Friedrich Schillers/ Mensch, Schicksal und Werk
Von Angelika Fischer
Seine Zeit sei knapp bemessen, er würde nicht alt werden – das spürt er von Jugend an. Deshalb nimmt er sich fest vor, bis zu seinem 30. Geburtstag verheiratet zu sein und hofft, es bis zum 50. Lebensjahr „in seinem Körper auszuhalten“. Der so denkt, ist Friedrich Schiller, dessen Geburtstag sich am 10. November 2009 zum 250. Mal jährt. Das erste Vorhaben kann er nahezu fristgerecht in die Tat umsetzen und als Dreißigjähriger im Februar 1790 Charlotte von Lengefeld ehelichen. Das zweite zu realisieren ist ihm nicht vergönnt: Friedrich von Schiller, 1802 in den Adelsstand erhoben, stirbt am 9. Mai 1805 im Alter von nur 45 Jahren.
Schillers Persönlichkeit mit einem Wort zu erfassen, erscheint schier unmöglich. Als Dichter, Philosoph und Historiker vom jugendlichen Genie des Sturm und Drang zum universal gelehrten Geisteswissenschaftler gereift, bildet er zusammen mit Goethe, Herder und Wieland das „Viergestirn“ der Weimarer Klassik. Bis heute gilt er als der bedeutendste deutsche Dramatiker. Seine Theaterstücke gehören zum Standardrepertoire deutschsprachiger Bühnen, seine Balladen – Dramen in lyrischer Form – sind jedem ehemaligen Gymnasiasten geläufig. Egal, ob man die Gedichte nun geliebt oder wegen des Zwanges, sie auswendig lernen zu müssen, gehasst hat – die prägnanten Verse haben sich eingebrannt, werden zitiert und teilweise sogar augenzwinkernd parodiert. Heißt es beispielsweise im Lied von der Glocke „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet“, fabulierte der Volksmund den zweiten Teil um in „…ob sich nicht noch was Besseres findet“. Mehr Anerkennung, als liebevoll parodiert zu werden, kann einem literarischen Werk wohl kaum widerfahren. Es bleibt den Dichtungen vorbehalten, die beim Volk „angekommen“ sind!
Ein bereits zu Lebzeiten anerkannter und hoch verehrter Dichter ist Schiller allemal, dazu ein „Workaholic“, getrieben nicht nur vom Bewusstsein der knapp bemessenen Lebenszeit, sondern auch von ständiger Geldnot. Letztere ist ihm von Kindheit an vertraut. Aus zwar gebildeten, aber dürftigen Verhältnissen stammend, wird er 1759 in Marbach am Neckar als Sohn eines Wundarztes und zweitältestes von sechs Kindern geboren. Ab dem siebten Lebensjahr besucht er die Lateinschule in Ludwigsburg und muss 1773 auf herzoglichen Befehl gegen den Willen der Eltern in die Militärakademie „Karlsschule“ in Stuttgart eintreten, wo er zuerst Jura und danach Medizin studiert. Die Zöglinge werden einem harten Drill unterzogen – zu hart für einen sensiblen Jungen. Überliefert ist, dass Schiller noch mit 15 Jahren ins Bett nässt, wofür er mehrfach bestraft wird. Ein „Ventil“ ist die Freundschaft zu Kameraden, mit denen er heimlich Tabak schnupft und verbotene Schriften liest: Plutarch, Shakespeare, Rousseau, Klopstock und Goethes „Götz von Berlichingen“. Nach ersten eigenen, nicht erhaltenen schriftstellerischen Versuchen beginnt Schiller 1776 die Arbeit an dem Theaterstück „Die Räuber“, das er 1781 vollendet und anonym drucken lässt. Parallel legt er sein Examen als Militärarzt ab und verfasst eine entsprechende Dissertation.
Die Uraufführung der „Räuber“ im Januar 1782 am Mannheimer Hof- und Nationaltheater wird ein überwältigender Erfolg und bedeutet für den jungen Dichter den Durchbruch. Ist Goethe auf einen Schlag berühmt geworden als Dichter des „Werther“, ist es Schiller als Dichter der „Räuber“. Um bei der Premiere anwesend zu sein, hatte er sich unerlaubt vom Dienst entfernt, wofür er vom Herzog zu zwei Wochen Haft verdonnert und mit einem Schreibverbot belegt wird. Anlass genug für den jungen Freigeist, zusammen mit einem Freund bei Nacht und Nebel aus Stuttgart über die Landesgrenze nach Mannheim zu fliehen, wo er dem Intendanten sein zweites fertiges Drama „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua“ vorlegt. Doch dieser will den benachbarten Herzog von Württemberg nicht noch weiter provozieren und lehnt zunächst einmal ab.
Es folgen unsichere „Wanderjahre“ mit Höhen und Tiefen: einerseits doch die Anstellung als Theaterdichter in Mannheim und die Verleihung des Titels „Weimarischer Rat“ durch Herzog Carl-August von Sachsen-Weimar, andererseits eine Infektion mit Malaria, welche im damals noch sumpfigen Rheintal vorkam, sowie die – krankheitsbedingte – Entlassung als Autor, wodurch er fast im Schuldturm landet. Dessen ungeachtet ist Schiller literarisch weiter produktiv, verfasst das bürgerliche Trauerspiel „Luise Millerin“, später umbenannt in „Kabale und Liebe“, sowie erste Teile des „Don Karlos“. 1785 wird er durch seinen Freund und Gönner Gottfried Körner aus der finanziellen Notlage befreit und verbringt die folgenden zwei Jahre bei ihm in Leipzig und Dresden. In Körners Weinberghaus in Loschwitz entsteht 1785 die „Ode an die Freude“ für die Tafel der Freimaurerloge „Zu den drei Schwertern“. Nachdem er im Frühjahr 1787 den „Don Karlos“ vollendet, der seinen Ruhm als „Freiheitsdichter“ auch international manifestiert, reist Schiller im Sommer nach Weimar und macht dort die Bekanntschaft von Herder und Wieland. Ein erstes Zusammentreffen mit Goethe nach dessen Rückkehr aus Italien im September 1788 bleibt folgenlos – man findet kein Interesse aneinander. Bis sich das nachhaltig ändert, vergehen noch sechs weitere Jahre.
In der Zwischenzeit lernt Schiller die Familie von Lengefeld kennen, zwischen deren beiden Töchtern er sich lange Zeit hin- und her gerissen fühlt und sogar an eine ménage à trois denkt. Die Wahl fällt schließlich auf die jüngere, Charlotte, die er 1790 heiratet und fortan mit ihr und den in den folgenden Jahren geborenen vier Kindern ein glückliches Ehe- und Familienleben führt. Auch wirtschaftlich konsolidiert sich sein Leben: Im Dezember 1788 wird er zum Professor für Geschichte an die Universität Jena berufen, wo er im Mai 1789 seine legendäre Antrittsvorlesung hält zur Frage „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ Antwort in Kurzform: um die Zivilisation verstehen und voran treiben zu können! Im Januar 1790 wird er zum Hofrat ernannt, im Oktober 1792 zum Ehrenbürger der französischen Republik. Probleme macht die Gesundheit: Eine Rippenfellentzündung lässt sich beim damaligen Stand der Medizin nicht vollständig auskurieren.
Ab Sommer 1794 entwickelt sich nach einem Briefwechsel die kongeniale Freundschaft zu Goethe, den er für zwei Wochen zu Hause besucht. Trotz gemeinsamer Projekte wie der Monatszeitschrift „Die Horen“ und später dem „Musenalmanach“, woran die berühmtesten Geistesgrößen der Zeit mitwirken, sowie der gegenseitigen Anstachelung zu produktiver Höchstform stehen beide sich privat durchaus auch kritisch gegenüber: Während sich Goethe an Schillers Leidenschaft für Schnupftabak und Kartenspiel stört, missbilligt Schiller Goethes „wilde Ehe“ mit Christiane Vulpius, die er als dessen „einzige Blöße“ ansieht.
1797/ 98 entstehen im literarischen Wettstreit mit Goethe Schillers berühmteste Balladen, 1799 zieht er mitsamt Familie nach Weimar. In einem wahren Schaffensrausch schreibt er ab jetzt „Schlag auf Schlag“ die großen historischen Dramen, mit denen er sein Vorhaben einer „ästhetischen Erziehung des Menschen“ hin zum Vernunfts-, Humanitäts- und Freiheitsideal künstlerisch umsetzt. Auf den „Wallenstein“ folgen 1800 „Maria Stuart“, 1801 die „Jungfrau von Orleans“, 1803 die „Braut von Messina“, 1804 der „Wilhelm Tell“, danach beginnt die Arbeit am „Demetrius“ sowie die Übersetzung von Racines „Phèdre“ aus dem Französischen. Bei alledem verschlechtert sich Schillers Gesundheitszustand zusehends. Doch je mehr ihn sein Körper im Stich lässt, desto mehr an Höchstleistung ringt er seinem Geist ab. Nach einer letzten Begegnung mit Goethe am 1. Mai 1805 auf dem Weg ins Theater bricht er während der Vorstellung in seiner Loge zusammen. Friedrich Schiller stirbt am 9. Mai 1805. Unmittelbare Todesursache ist eine vermutlich durch Tuberkulose hervorgerufene Lungenentzündung. Bei der Obduktion wird außerdem eine fortgeschrittene Deformation und Zersetzung lebenswichtiger Organe festgestellt, so dass der Pathologe sich verwundert fragt, „…wie der arme Mann so lange hat leben können“.
Beigesetzt wird Schiller im Kassengewölbe auf dem Weimarer Jakobsfriedhof. 1826 sollen die Gebeine zwecks Umbettung geborgen werden, sind allerdings nicht mehr eindeutig identifizierbar. Die am ehesten in Frage kommenden – Schiller war mit 1,80 Metern für seine Zeit sehr groß – werden in die Anna Amalia Bibliothek gebracht, von wo Goethe sich heimlich den Schädel „entleiht“ und bei dessen Anblick das Gedicht „Bei Betrachtung von Schillers Schädel“ schreibt. 1827 werden die Gebeine in die Weimarer Fürstengruft überführt, wo später auch Goethe auf eigenen Wunsch „an Schillers Seite“ bestattet wird.
Allerdings steht dieser Sarg heute leer. Nachdem aufwändige DNA- Analysen mit Vergleichsproben engster Verwandter 2006 ergeben, dass die vorhandenen Gebeine, darunter zwei in Frage kommende Schädel, allesamt nicht die Friedrich Schillers sein können, entschließt sich die Klassik Stiftung Weimar, den Sarg leer in der Fürstengruft zu belassen und auch nicht weiter nach dem echten Schädel zu suchen.
Foto: Friedrich Schiller – Gemälde von Ludovike Simanowiz aus dem Jahr 1794

Ad libitum – Elvira Kartseva
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