Kind und Opfer der Revolution
Eine kritische Würdigung zum 250. Geburtstag Georges Dantons
Von Angelika Fischer

Das äußerst lebendig wirkende Portrait Georges Dantons, 1792 geschaffen von Constance-Marie Charpentier, ist heute zu besichtigen im Pariser Musée Carnavalet
„Tu montreras ma tête au peuple, elle en vaut bien la peine!“ Diese Aufforderung Georges Dantons, gerichtet an seinen Henker hoch oben auf dem Schafott im Angesicht des Todes, fehlt in keiner Zitatensammlung berühmter letzter Worte. Übersetzt wird sie allgemein mit „Du wirst meinen Kopf dem Pöbel zeigen, er ist dieser Mühe wert!“
Ungebrochener Stolz und tiefe Verachtung derer, die ihn zur Guillotine verdammt hatten, sprechen daraus. An Danton, dem leidenschaftlichen Verfechter und wohl genialsten Redner der Französischen Revolution, erfüllte sich auf tragische Weise, was er selbst zuvor erkannt und prophezeit hatte: „Die Revolution gleicht Kronos, sie verschlingt ihre eigenen Kinder!“
Georges-Jacques Danton wurde am 28. Oktober 1759 in Arcis-sur-Aube geboren, genoss eine gute Erziehung, studierte Jura und wurde Advokat. Mit Beginn der Französischen Revolution warf er sich mit Enthusiasmus in die Politik, wurde Mitglied der Jakobiner und gründete 1790 zusammen mit Camille Desmoulins und Jean-Paul Marat den radikalen „Club des Cordeliers“. Im Gegensatz zu den gemäßigten Girondisten forderten sie eine grundlegende Änderung der gesellschaftlichen Ordnung und die Einführung der Republik. Dantons Reden waren wortgewaltig, mitreißend und radikal, seine tatsächlichen Aktionen hingegen eher vorsichtig und taktierend. Als Mensch war er großzügig und freundlich, ideologisch flexibel und schwer durchschaubar.

Die Zeichnung zeigt Georges Danton auf seinem letztem Weg, wie er stolz und hoch erhobenen Hauptes hinauf zur Guillotine schreitet und einen verächtlichen Blick zurück auf die gaffende Menge wirft
Skrupel vor Gewaltanwendung hatte er nicht: Die so genannten „Septembermassaker“ von 1792 an über tausend politischen Gefangenen hatte zwar Marat initiiert, aber mit Duldung von Danton als amtierendem Justizminister. Nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. im Januar 1793 war auf Antrag Dantons im April der so genannte „Wohlfahrtsausschuss“ eingerichtet worden, der von da an die Exekutivgewalt im Staat ausübte. Ein „Revolutionstribunal“ übernahm die Gerichtsbarkeit insbesondere für „politische Vergehen“, wobei es als mögliche Urteile nur Freispruch oder Tod gab.
Im weiteren Laufe des Jahres 1793 verschärfte sich die Lage der Republik: Zum Krieg gegen Österreich und Preußen, Hungersnöten und Aufständen in den Provinzen kam die innere Zerstrittenheit der revolutionären Kräfte. Im Juli wurde Marat durch Charlotte Corday ermordet, im selben Monat Danton wegen seiner Auslandskontakte und angeblicher Bereicherung als Präsident des Wohlfahrtsausschusses abberufen, stattdessen Maximilien de Robespierre gewählt.
Der Antagonismus hätte größer nicht sein können: Der ebenso blutleer-tugendhafte wie kompromisslose Pedant Robespierre trug den Beinamen „der Unbestechliche“, im Gegensatz zum trunksüchtigen Lebemann Danton, dessen Anfälligkeit für Laster und Korruption mit zu seinem Untergang beitrug. Unter Robespierre bekannten sich Wohlfahrtsausschuss und Nationalkonvent immer mehr zur Schreckensherrschaft „La Grande Terreur“. Die Welle der Hinrichtungen, der auch die ehemalige Königin Marie-Antoinette und die Girondisten zum Opfer fielen, schwoll stetig an. Neuen Forschungen zufolge wurden allein zwischen Juni 1793 und Juli 1794 in Frankreich mindestens 16.594 Menschen enthauptet, die Gesamtzahl der Terroropfer wird auf 30.000 geschätzt. Hierdurch vertieften sich die Fraktionskämpfe: Während Danton im November 1793 öffentlich ein Ende der Schreckensherrschaft forderte, ließ stattdessen Robespierre im März 1794 die Hébertisten, einen radikalen Flügel innerhalb der Jakobiner, verhaften und hinrichten.
An dieser Stelle setzt übrigens die Handlung von „Dantons Tod“ ein, das Georg Büchner 1835 als Drama in vier Akten verfasste. Nach Beseitigung sowohl der gemäßigten Girondisten als auch der radikalen Hébertisten standen Robespierre jetzt nur noch die Dantonisten mit ihrem Ruf nach Ende der Schreckensherrschaft im Weg. Als die gegensätzlichen Ansichten der ehemaligen Freunde auch durch ein Gespräch unter vier Augen nicht zu bereinigen waren, ließ Robespierre mit Zustimmung des Konvents Danton und seine engsten Vertrauten in der Nacht vom 30. auf den 31. März 1794 verhaften und vor das Revolutionstribunal bringen, wo sie binnen fünf Tagen angeklagt, verurteilt und am 5. April 1794 durch die Guillotine enthauptet wurden. Während des Prozesses, dessen Ausgang vorher fest stand, hatte Danton auf die Frage nach Namen, Alter und Wohnsitz geantwortet: „Ich heiße Danton, bin 35 Jahre alt, meine Wohnung wird das Nichts sein, aber mein Name wird leuchten im Pantheon der Geschichte!“
Dass er, wie in Büchners Drama angedeutet, voraussah, dass sein Intimfeind Robespierre ihm gut ein Vierteljahr später folgen und am 28. Juli 1794 seinerseits den Weg zur Guillotine beschreiten würde, ist historisch nicht belegt. Überliefert ist indessen, dass nach der Hinrichtung Dantons die Menge rief: „Es lebe die Republik!“ Worauf in die folgende Stille hinein man eine Stimme vernahm: „Die Republik? Man hat sie soeben enthauptet!“
Das Urteil der Historiker über Danton ist gespalten: Für die einen ist er ein Realpolitiker, der sich nicht durch ideologischen Eifer blenden ließ, für die anderen ein Opportunist, dem der beständige Charakter ebenso fehlte wie die feste politische Überzeugung und der von daher eine Gefahr darstellte für die Sache der Revolution.
Den Versuch, ein ausgewogenes Bild zu zeichnen, haben im 19. Jahrhundert außer Georg Büchner, der sich in weiten Teilen seines Dramas an historische Vorlagen und Quellen hält, die französischen Historiker Adolphe Thiers und François-Auguste Mignet gemacht. Bei ihnen erscheint Danton als ein „gigantischer Revolutionär mit extravaganten Lastern, so gewaltig und dämonisch wie seine Rednergabe“. Die Revolution habe ihn groß gemacht, ihn emporgetragen und zuletzt vernichtet.

Ad libitum – Elvira Kartseva
Buch.WolfTek
Edition Kova
EGGart
Emina Kamber
Johanna Renate Wöhlke
MusikTräume-Hartmuth Seitz
Uschi Tisson
WolfTek