Die schottische Seele in Verse gegossen…
Robert Burns, Zeichnung von William Hole
Robert Burns – Schottlands Nationaldichter feiert 250. Geburtstag/ Nachhaltige Wirkung bis auf den heutigen Tag
Von Angelika Fischer
Welcher seit mehreren Jahrhunderten tote Dichter, und sei er auch noch so berühmt und verehrt, kann von sich behaupten, dass sein Geburtstag in seiner Heimat landauf, landab alljährlich feierlich begangen wird? Kein Goethe, kein Shakespeare, kein Molière – diese Ehrung widerfährt einzig und allein dem schottischen Nationaldichter Robert Burns.
Tam O’Shanter, Gemälde von John Joseph Barker. Die typische Mütze mit der Bommel, die Tam auf dem Bild trägt, heißt in Schottland ein „Tam O’Shanter“
Am 25. Januar 2009 jährt sich sein Geburtstag zum 250. Mal, und wer sich nicht scheut, um diese dunkle Jahreszeit in dieses schon im Sommer meist grau-verhangene Land am nördlichen Rande Europas zu reisen, wird ein Stück echtes, unverfälschtes Schottland erleben und tiefen Einblick in die schottische Seele erhalten… In der „Burns’ Night“ werden seine Gedichte rezitiert und gesungen, dazu fließen Unmengen von Bier und Whisky – Getränke, auf die er einst Lobeshymnen verfasste – und es wird als „Burns’ Supper“ das Nationalgericht Haggis serviert, das von Burns ebenfalls mit einem langen und hymnischen Gedicht besungen wurde. Für Uneingeweihte: Haggis ist ein mit Hack gefüllter Schafsmagen und nur für den genießbar, der damit aufgewachsen ist.
Woran liegt es, dass dieser Dichter, der nicht älter wurde als 37 Jahre und ein eher unstetes Leben führte, in seinem Heimatland bis heute wirkungsmächtiger ist als jeder andere? Um das zu verstehen, reicht nicht allein die Person Robert Burns. Sie muss im Zusammenhang mit der Geschichte Schottlands gesehen werden. Als Burns 1759 in Alloway als Sohn eines Landwirts und ältestes von sieben Kindern geboren wurde, befanden sich die Geschicke des Landes auf dem Tiefpunkt: Das eigenständige schottische Parlament war 1707 im Rahmen der Act of Union aufgelöst und mit dem britischen Parlament zusammen gelegt worden, und alle Hoffnungen auf nationale Unabhängigkeit hatten sich 1746 mit der Niederlage von Culloden zerschlagen. Zur politischen kam die kulturelle Unterdrückung durch die siegreichen Engländer: Den Schotten war es beispielsweise untersagt, ihren Kilt zu tragen, und auch das Musizieren auf dem Dudelsack war bei Strafe verboten. Die Schotten sollten ihre Identität verlieren und zu Briten werden – schlimmer konnte es für dieses selbstbewusste, nationalstolze Volk nicht kommen.
In dieser hoffnungslosen Lage waren es Dichter wie Walter Scott, Robert Louis Stevenson und Robert Burns, die mit ihrer Dichtkunst dem untergegangenen Schottland ein Ruhmeslied sangen und die politische Niederlage in einen moralischen Sieg verwandelten. Erzählungen wie „Waverly“ und „Rob Roy“ von Scott, Stevensons „Entführung“ sowie die Gedichte, Lieder und Balladen von Burns gaben den Schotten ihre Identität zurück, indem sie der verlorenen Sache huldigten und sie so zur siegreichen machten.
Während Scott und Stevenson als Epiker der Geschichte Schottlands ein romantisch- fiktionales Denkmal setzten, goss Burns als Lyriker die schottische Seele in Verse…
Die Frage, wer als Dichter von den dreien der größte und bedeutendste ist, lässt sich kaum beantworten. Eines aber kann mit Sicherheit gesagt werden: Burns ist derjenige, dessen Werk in Schottland bis auf den heutigen Tag am nachhaltigsten wirkt und weiter lebt. Ein Beispiel kann das verdeutlichen: „A Man’s a Man…“, eines der berühmtesten Lieder von Robert Burns, wurde am 17. Mai 1999, als sich nach über 300 Jahren (!) zum ersten Mal wieder ein vom Volk gewähltes schottisches Parlament zu seiner konstituierenden Sitzung traf, von allen Abgeordneten von der ersten bis zur letzten Strophe auswendig gesungen und kann mit Fug und Recht als schottische Nationalhymne bezeichnet werden.
Ein weiterer Grund, weshalb Burns in seiner Heimat geradezu kultisch verehrt wird, er aber außerhalb Schottlands relativ wenig bekannt ist, liegt darin, dass er seine Lyrik nicht in englischer Sprache, sondern in „Scots“ verfasste. Diese Sprache mit ihren angelsächsischen und keltischen Wurzeln ist dem Englischen zwar verwandt, doch selbst wer einigermaßen mühelos englische Literatur zu lesen imstande ist, stößt beim Scots an seine Grenzen… Das zuvor als „Bauernsprache“ verachtete Scots wurde durch die Umsetzung in Literatur künstlerisch geadelt, was bedeutet: Die Sprache des schottischen Volkes wurde durch Burns’ Dichtung den anderen Sprachen rangmäßig gleichgesetzt. Aus Sicht der Schotten ist er „ihr Nationaldichter“, der in ihrer Sprache geschrieben und gesprochen hat, dessen Geist bis heute lebendig ist und dessen Werk heute und in Zukunft rezitiert und gesungen wird.
Last, but not least, hat Burns in seiner wohl berühmtesten Ballade dem schottischen Charakter in unvergleichlich humorvoller Art und Weise Gesicht und Gestalt verliehen: Tam O’Shanter heißt das Werk nach seinem Helden. Während zeitgleich in Deutschland geborene „Balladen- Helden“ ein Ideal verkörpern oder sich hohen Werten verpflichten, ist der schottische „Held“ ein ganz anderer: ein trinkfester Weiberheld und „ganzer Kerl“, der keiner Rauferei aus dem Wege geht, dazu gerissen und mit allen Wassern gewaschen, so dass am Ende stets ein anderer die Zeche zu zahlen hat… Bis auf den heutigen Tag gibt es wohl kaum einen Schotten, der sich nicht gern ein Stück weit als Tam O’Shanter sieht!
Die Handlung ist in ein paar Sätzen erzählt: Am Markttag von Ayr, nach einem ausgiebigen Zechgelage, wobei er auch mit der Wirtin auf Tuchfühlung gegangen ist, macht sich Tam endlich „hackevoll“ zwischen Mitternacht und Morgengrauen auf den Heimweg. Dieser Weg führt vorbei an der Alloway Kirk und über die Brücke des River Doon. Auf Höhe der verfallenen Kirche bleibt Tams Stute Maggie plötzlich wie angewurzelt stehen, und Tam wird durchs Kirchenfenster Zeuge eines Hexentanzes, der an die Schilderung der Walpurgisnacht in Goethes „Faust“ erinnert… (Übrigens: Goethe kannte und schätzte das Werk Burns’, die Walpurgisnachszene dichtete er fünf Jahre nach Burns’ Tod.) Tam als Voyeur hat es besonders eine junge Hexe angetan, die ein zu kurz geschnittenes Hemd („cutty sark“) trägt, das beim wilden Tanz immer höher fliegt… In Wallung geraten, entfährt ihm ein anerkennendes „…toll gemacht, Kurzhemd!“, womit er eine eherne Regel verletzt hat: bei der Beobachtung von Geistern stets den Mund zu halten! Im Nu stürzt die ganze Horde von Hexen und Teufeln auf ihn los, und er hat nur eine Chance zu entkommen: nämlich vor ihnen den Fluss Doon zu erreichen, denn Geister dürfen keine fließenden Gewässer queren. Stute Maggie gibt ihr Bestes, und fast wären beide unbeschadet entkommen, wenn nicht Hexe Nannie, die mit dem kurzen Hemd, bereits mit der linken Hand Maggie beim Schweif gepackt und mit der rechten Hand nach Tam gegriffen hätte… Doch da sind sie auf der Brücke, Tam entkommt um Haaresbreite, und Maggie muss die Zeche zahlen: Die Hexe hat ihr den Schwanz ausgerissen und als Trophäe erbeutet! Die augenzwinkernde „Moral von der Geschichte“ lautet bei Burns in etwa so: „Wenn du zu viel gesoffen hast, den Weibern unters Hemd du fasst, bedenk, ob es den Preis auch wert, und denk an Tam O’Shanters Pferd!“
Leider, auch das muss gesagt sein, hat Robert Burns sich selbst in seinem Leben an diese „Moral“ nicht gehalten: Von Alkoholexzessen und ausschweifendem Leben gezeichnet, starb er 1796 im Alter von 37 Jahren, was selbst für damalige Verhältnisse ein früher Tod war. Er hinterließ eine Frau, vier eheliche Kinder, eine größere Zahl unehelicher, kein Vermögen, aber auch keine Schulden, und ein dichterisches Werk, das seiner Witwe ein Auskommen sicherte und ihn selbst unsterblich machte.
Hinweis für interessierte Leser:
Burns’ Originaltexte und ihre – wenn auch etwas veralteten – Übersetzungen ins Deutsche aus dem 19. Jahrhundert finden sich im Internet bei Wikisource

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