Sexarbeit – eine Welt für sich
Von Horst Rübke
Das älteste Gewerbe der Welt wird es auch umschrieben. Doch daraus geht bereits hervor, es ist Arbeit, es ist eine Dienstleistung. Der Vorteil einer Anerkennung der Sexarbeit als Beruf: Es ist ein erster wichtiger Schritt, um gegen die Doppelmoral anzugehen, mit der Sexarbeit immer noch behandelt wird, und es ist ein Schritt zur Enttabuisierung dieses Arbeitsfeldes. Erst wenn diese Schritte gegangen sind, kann man vernünftig über die Ausbeutung und die Gewaltverhältnisse sprechen, in denen viele Sexarbeiterinnen leben und arbeiten. Es ist notwendig, Sexarbeit als ‚normalen’ Beruf anzuerkennen, aber auch den Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, die ‚normalen’ Arbeitsrechte zu gewähren. Prostituierte sind nicht selten von psychischer und physischer Gewalt bedroht. Gründe dafür sind insbesondere in der mangelnden Unterstützung in Gesellschaft und Kultur zu suchen, welche lange Zeit diese Art des Gewerbes als unmoralisch, unsittlich und gesellschaftsverderbend bezeichnete.
In dem Buch „Sexarbeit – eine Welt für sich“ will die Autorin Elisabeth von Dücker auf die Randgruppe der Prostituierten aufmerksam machen. Das Buch bietet Einblicke in Lebens- und Arbeitswelten des Sexbusiness: Sexarbeit backstage. Diese Berichte aus erster Hand kamen als Interviews und Gespräche in den Jahren 2004 bis 2006 zustande. Ein breites Spektrum von Frauen, Männern, Transsexuellen, Bordellbetreiber/innen, Concierge und Kunden erzählen von ihren Erfahrungen in und mit der Sexarbeit, ergänzt um die Sicht der Polizei und eines ehemaligen Zuhälters. Es ist ein Buch, das Licht in diese Art der Arbeit bringen möchte, aber auch Verständnis für die dort tätigen Frauen. Es handelt sich deshalb um kein „schmutziges“ Buch, sondern ein wissenschaftliches Buch, das Hintergrundinformationen zu diesem Thema bietet. Dies beweist auch die Tatsache, dass das Museum für Arbeit in Hamburg als Mitherausgeber genannt ist. Das Unspektakuläre entfaltet hier Reiz und Lebendigkeit. Die 25 Erzählstücke des Buchs führen aus persönlicher Sicht und mit eigenen Worten in Arbeitswelten hinein, die in den Medien vorzugsweise aus der Perspektive des Außergewöhnlichen geschildert werden. Hier erzählen die Akteur/innen eher nüchtern, unaufgeregt, aber nicht ohne Emotion von der eigenen, nicht der medial konstruierten Welt des sog. Rotlichtmilieus.
Im Laufe der Geschichte wurde immer wieder versucht, die Prostitution zu verbieten. Trotzdem gab es diesen Beruf. Es geschah im Verborgenen und die Rechte der Prostituierten waren dadurch nicht vorhanden. Sie brauchten einen Zuhälter, der sie beschützen sollte, aber der sie oft durch Drogen abhängig und willig machte. 25 Erzählstücke sind authentisch in dem Buch niedergeschrieben worden. Dabei kam heraus, dass keiner diese Arbeit gerne macht. Die Gründe, aus denen Menschen sich dazu gezwungen sehen, Sex als Arbeit ausüben zu müssen, können sehr unterschiedlich sein und sind oft mehrschichtig. Die Abgrenzung zwischen Zwang und freiwilliger Berufswahl kann schwierig sein. Auch freiwillige Prostituierte können bei mangelnder Unterstützung ihres Umfeldes, sei es sozial, gesellschaftlich oder materiell, in Abhängigkeitsverhältnisse gebracht und letztlich in die unfreiwillige Prostitution geraten, aus welchen sie von sich aus nur schwer hinaus finden. Bei der erzwungenen Prostitution werden Menschen aus wirtschaftlich schwachen Ländern oder armen ländlichen Gebieten von Menschenhändlern unter Vorspiegelung legaler Arbeitsmöglichkeiten an andere Orte verschleppt, wo sie durch körperliche und seelische Gewalt und Freiheitsberaubung in persönliche und finanzielle Abhängigkeit gebracht und dann zur Prostitution gezwungen werden (Menschenhandel). In Deutschland gibt es etwa 400.000 berufsmäßige Prostituierte. Dazu kommen noch eine Reihe von Gelegenheitsprostituierten, deren Zahl je nach Definition unterschiedlich angegeben wird. Davon sind geschätzt 95 % weiblich und 5 % männlich.
In den 1990er Jahren machten in Deutschland gewerkschaftsähnliche Selbsthilfegruppen Prostituierter auf die rechtlose Situation von Prostituierten aufmerksam und forderten die Anerkennung von Prostitution als Beruf. Mit dem Prostitutionsgesetz vom 20. Dezember 2001 wurde die Prostitution in Deutschland gesetzlich geregelt. Ob sie nun nicht mehr sittenwidrig ist, wird kontrovers diskutiert. Diese Frage kann aber letztlich hinten anstehen, weil jedenfalls der Entgeltanspruch der Prostituierten kraft Gesetzes wirksam entsteht. Nach wie vor ist die Prostitution in den meisten Ländern verboten. In Schweden trat am 1. Januar 1999 das „Gesetz zum Verbot des käuflichen Erwerbs sexueller Dienstleistungen“ in Kraft: „Wer sich gegen Entgelt Gelegenheit zu sexuellen Handlungen verschafft, wird – sofern die Tat nicht nach dem Strafgesetzbuch mit Strafe bedroht ist – wegen käuflichen Erwerbs sexueller Dienstleistungen mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten bestraft.“ Im Gegensatz zu den Vorschriften in vielen anderen Ländern machen sich hier also nur die Kunden strafbar, nicht die Prostituierten. Das Verbot der Prostitution wurde damit begründet, dass diese mit der Würde der Frau nicht vereinbar sei. Prostituierte sollen also nicht bestraft, sondern geschützt werden. Im April 2006 forderte der schwedische Beauftragte für die Gleichstellung von Mann und Frau, Claes Borgström, die schwedische Fußballnationalmannschaft zum Boykott der Weltmeisterschaft in Deutschland auf, da der deutsche Staat durch seine Legalisierung der Prostitution permanente Menschenrechtsverletzungen an Frauen begehe.
Die einzelnen Erzählstücke sind spannend und lebendig geschrieben und werfen Licht in die Arbeitswelt einer Sexarbeiterin. Es wird für das Verständnis dieser Arbeit geworben. Es geht darum, diese Frauen zu schützen und Verständnis für ihre Arbeit zu bekommen. Im September 2008 erschien das Buch „Sexarbeit – eine Welt für sich“, hrsg. v. Elisabeth von Dücker, Beate Leopold, Christiane Howe, Museum der Arbeit. 355 Seiten. € 24,80 Edition Freitag. edition@freitag.de. Das Buch „Sexarbeit“ kann unter der ISBN-Nr. 978-3-936252-17-0 in jedem Buchgeschäft erworben oder bestellt werden.

Ad libitum – Elvira Kartseva
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