Tomsk in Sibirien – eine Stadt der Verbannten
Geschichtlicher Rückblick
Von Horst Rübke
Spöttisch wurde ich gefragt, ob man mich denn vor 200 Jahren vergessen hätte, als ich erzählte, nach Sibirien fahren zu wollen. Tatsächlich hat Katharina die Große insbesondere die Deutschen gebeten, das riesige Reich urbar zu machen, es zu besiedeln und deutsches Know How nach Russland zu tragen. Durch den siebenjährigen Krieg, durch Überflutungen und mehrjährigen Missernten sahen viele Bauern in Deutschland keine Zukunft. Der Krieg hatte alles zerstört und man musste einen Neuanfang machen. Die zweiten und dritten Söhne hatten sowieso kaum eine Chance, eine eigene Existenz aufbauen zu können. In Russland versprach man ihnen eine 30jährige Befreiung vom Wehrdienst, sehr fruchtbares und billiges Land an der Wolga. Auch die völlige Religionsfreiheit war für viele Aussiedler ein wichtiges Argument. Insbesondere aus Bayern, Hessen, Baden-Württemberg und Sachsen folgten viele dem Ruf in eine vermeintliche bessere Zukunft. Einige Dörfer in Deutschland wurden derart entvölkert, dass ein Aussiedlerstopp verfügt wurde.
Tatsächlich haben die Deutschen in Russland schon sehr schnell einen wesentlich höheren Lebensstandard erreicht, als die russische Bevölkerung. Isoliert in rein deutschen Dörfern an der Wolga konnten sie ihre deutsche Sprache, die Kultur und die Religion ungehindert ausüben. Dieser Wohlstand blieb dem Zaren in Moskau aber nicht verborgen. So verfügte Alexander der II., dass in der Schule einheitlich russisch gesprochen werden musste. Insbesondere jene Gruppen, die eine stark ausgeprägte Religionsbindung hatten, sahen ihre Kultur in Gefahr und zogen nach Sibirien, wo diese Gesetze nicht so streng gehandhabt wurden. Als Hitler 1941 Russland den Krieg erklärte, hat Stalin alle Russlanddeutschen an der Wolga nach Sibirien deportiert. Ein kleiner Koffer durfte gepackt werden und innerhalb von zwei Stunden ging es mit einem Viehtransporter nach Sibirien. Auf freier Strecke ließ man sie raus und hat den Menschen sich selbst überlassen. Viele Jahre haben sie in Erdlöchern gewohnt. In eine solche Gegend bin ich gefahren und habe gehofft, Deutsche dort anzutreffen. Ich war in der Stadt Tomsk, die 4 Autostunden nördlich von Novosibirsk liegt. Tomsk hat etwa 500.000 Einwohner, 6 Universitäten und ist damit die drittgrößte Universitätsstadt in Russland und lebt vorwiegend von der Forschung und den Universitäten.
Vor 400 Jahren wurden diese Holzhäuser mit reichlichen Schnitzereien gebaut und sind heute dem Verfall preisgegeben. Jetzt werden fast ausschließlich Plattenbauten errichtet.
Tomsker Gebiet – so groß wie Deutschland, aber nur eine Millionen Einwohner
Das Tomsker Gebiet, vergleichbar in Deutschland mit Landkreis, ist etwa so groß wie Deutschland, hat aber nur eine Millionen Einwohner. Wenn also die Hälfte allein in der Stadt Tomsk lebt und viele andere Menschen in kleineren Städten, mag dies verdeutlichen, wie dünn dieses Gebiet besiedelt ist.
Tomsk wurde im Jahre 1604 nach dem Erlass des Zaren Boris Godunow gegründet als eine Kosakenfestung am Ufer des Flusses Tom, einem Nebenfluss des Ob. Zu dieser Zeit wohnten hier 201 Menschen. Eine neue Siedlung entstand unter dem tatarischen Fürsten Tojan, der zum Untertan des russischen Zaren wurde und ihm jegliche Hilfe bei der Festigung der russischen Macht in Sibirien versprach. Die Tomsker Festung hatte mehrmals den Überfällen der Kirgisen und der anderen nomadischen Völkern getrotzt. Bis zur 2.Hälfte des 17. Jhs. war die Bedeutung der Tomsker Grenzfestung außerordentlich groß.
Im Jahre 1804 wurde Tomsk zum administrativen Zentrum eines neuen Gouvernements ernannt, das solche Gebiete wie das Altai-Gebiet, Nowosibirsker Gebiet, das Ost-Kasakstanische Gebiet mit einschloss. Besonders rasch ging die Entwicklung von Tomsk in den 30er Jahren des 19. Jhs. vor, als man hier mit der intensiven Förderung der Goldvorkommen begann.
Trotz der raschen ökonomischen Entwicklung wuchs die Bevölkerung des Tomsker Gouvernements hauptsächlich durch die vermehrte Ansiedlung der verbannten Menschen, die immer wieder aus dem Zentralrussland kamen. In der ersten Hälfte des 19. Jhs. gab es hier zirka 30 000 verbannte Männer und 7 000 Frauen. Jeder fünfte Bewohner in Tomsk und Umgebung war ein Verbannter.
1880 wurde in Tomsk die Sibirische Universität gegründet. Das Bauprojekt des Hauptgebäudes wurde vom Moskauer Architekten Bruni entworfen. 1888 wurde die erste Sibirische Universität nach dem Erlass des Kaisers Alexander des III. eröffnet. Sie bestand nur aus einer medizinischen Fakultät mit 72 Studenten.
1900 wurde das erste Technologische Institut hinter dem Uralgebirge (die jetzige Polytechnische Universität) eröffnet.
Anfang des 20. Jhs. nimmt Tomsk in Sibirien nach der Zahl der Lehranstalten den ersten Platz an. Sehr reich war auch das kulturelle Leben der Stadt. 4 Zeitungen wurden herausgegeben und es wurde das steinerne Gebäude des Theaters gebaut. In der Enzyklopädie von F.Brokhaus und I. Efron wurde Tomsk als kulturelles, Handels- und Industriezentrum erwähnt, das weiter vorne als alle anderen sibirische Städte stand.
In die Nachbargouvernements und Gebiete wurden aus dem Tomsker Gebiet folgende Waren exportiert: Brot, Fisch, Salz, Wein, Schmalz, Kupfer, Wachs, Leder. Die Zirbelnusse und den Pelz lieferte man nach Russland und ins Ausland.
In den 90er Jahren des 19. Jhs wurde durch das Tomsker Gouvernement die sibirische Eisenbahnlinie verlegt. Sie lag südlicher der Stadt Tomsk. Tomsk blieb abseits der Hauptmagistrate. Dies hatte bestimmte Nachteile für seine weitere ökonomische Entwicklung.
Klima
Das Tomsker Gebiet liegt im Süd-Osten der West-Sibirischen Ebene und nimmt die Fläche 314 000 qkm ein. Die Entfernung zwischen der Nord- und Südgrenze beträgt 600 km, dadurch sind die klimatischen Bedingungen der südlichen und nördlichen Bezirke völlig unterschiedlich. Fast das ganze Territorium des Gebietes liegt in der Taiga-Zone. Das Klima ist kontinental. Die durchschnittliche Jahrestemperatur ist minus 1,3 Grad. Der Winter ist rau und lang. Die durchschnittliche Januartemperatur ist minus 19-21 Grad, die Julitemperatur plus 17-18 Grad. Die Niederschläge betragen 435 mm. Die Nachbarterritorien sind das Omsker Gebiet, das Nowosibirsker Gebiet und das Krasnojarsker Gebiet.
Die Hauptflüsse sind der Ob, der Tom (als Nebenfluss des Ob), Tschulym, Ket.
Das Territorium des Gebietes ist größer als das des Polens (312 000 qkm), Italiens (301 000 qkm), Großbritanniens (244 000 qkm) oder größer als Österreich, Belgien, Dänemark, Irland, die Niederlande und die Schweiz zusammen.
Die Bevölkerung
Im Gebiet wohnen 1 071 000 Menschen, darunter in den Städten – 705 000 Menschen, im Landgebiet – 374 000 Menschen. Fast die Hälfte der Bevölkerung – über 500 000 wohnt in Tomsk. Die Bevölkerungsdichte ist sehr ungleichmassig: in den nördlichen Gebieten – 0,3 Menschen pro qkm; die durchschnittliche Bevölkerungsdichte ist 3,4 Menschen pro qkm.
Hier sind 80 Nationalitäten vertreten, die meisten sind Russen – 88,2%, Ukrainer – 2,6%, Tataren – 2,1%.
Die Zahl der Arbeitslosen beträgt 12,3 tausend Menschen.
Bildung und Hochschulen

6 Universitäten hat die Stadt Tomsk und ist damit die drittgrößte Universitätsstadt in Russland. Hier die Universität für Architektur und Baukunst.
Tomsk nennt man das sibirische Athen, weil es ein unikales Bildungs- und Forschungszentrum ist. Hier gibt es 6 Universitäten: die klassische Universität, die Medizinische Uni, die Polytechnische Uni, die Pädagogische Uni, die Uni für Architektur und Baukunst, die Uni für automatisierte Steuerungssysteme. Insgesamt gibt es hier 80 000 Studenten. Nach der Zahl der Fachkräfte mit dem höchsten Ausbildunggrad nimmt Tomsk den ersten Platz im gesamten Russland ein. Es gibt noch dazu 47 Forschungsinstitute: das Institut für Physik und Technik, das Institut für angewandte Mathematik und Mechanik, das Institut für Biologie; für Kernphysik; für Elektronik: für Onkologie u.a.
1991 wurde Tomsk zu einer für Ausländer offenen Stadt. Seit dieser Zeit durften Ausländer die Stadt wieder besuchen. Die Hauptpartner von Tomsk sind Finnland, Belgien, Deutschland, China, Korea, Großbritannien, die Slowakei.
Neben Tomsk gibt es noch die für Fremde verbotene Atomstadt Sewersk, in der 120 000 Menschen leben und forschen. Da befindet sich der führende Betrieb der Atomindustrie Russlands. 3 Atomkraftwerke versorgen die Bewohner mit Energie.
Industrie
In der Wirtschaft des Gebietes spielen eine besondere Rolle die chemische, erdölchemische Industrie, Gasindustrie, Waldverarbeitungsindustrie und der Maschinenbau.
Die Entwicklung der chemischen Industrie ist mit der Tätigkeit des sibirischen chemischen Kombinats verbunden (1953). 1955 wurde der erste Atomreaktor in Betrieb gesetzt, 1958 – der zweite, 1961 – der dritte Atomreaktor.
Energiewirtschaft, Waldverarbeitungsindustrie sind die führenden Industriezweige des Gebietes. Dazu zählen noch der Maschinenbau und die Landwirtschaft.
Die landwirtschaftlichen Flächen nehmen 1.373.000 ha ein. Es werden Kartoffeln und Gemüse angebaut. Tomsk stellt Rindfleisch, Schweinefleisch, Hühnerfleisch und Eier her.
Die Naturschätze
Das Erdöl und Gas. Potentielle geologische Gasressource werden als 1,7 Mlrd Kubikmeter bestimmt, Erdölressource – als 3,4 Mlrd Tonnen bestimmt. Im Gebiet gibt es 78 Erdölvorkommen, 98 Kohlenwasserstoffvorkommen.
Zirkonij, Torf. Unterirdische Mineralwässer werden hier angezapft.
57% des Gesamtterritoriums ist mit Wald bedeckt. Die Gesamtfläche der Wälder ist 19,5 Mln ha. Vorwiegend sind das Nadelwälder: Kiefern, Zeder, Tannenbäume und Fichten.
Die Zaren fühlten sich in Tomsk wohl und holten sich von dort ihre deutschen Prinzessinnen.
Mit Tomsk ist auch die Geschichte über den russischen Zaren Alexander dem Ersten, dem Besieger Napoleons und Befreier Europas verbunden. Im hohen Alter hielt er sich unerkannt bis 1864 in Tomsk auf. 1825 inszenierte er seinen eigenen Tod in der Stadt Taganrog, verließ die Familie und wanderte eine Zeitlang durch das ganze Russland, bis er nach Tomsk kam. (Seine Frau war wie bei anderen Zaren eine deutsche Prinzessin).

Ad libitum – Elvira Kartseva
Buch.WolfTek
Edition Kova
EGGart
Emina Kamber
Johanna Renate Wöhlke
MusikTräume-Hartmuth Seitz
Uschi Tisson
WolfTek