Auf den Spuren deutscher Pioniere

Handwerkliche Arbeit ist preiswert in Sibirien. Wer ein schönes Andenken kaufen möchte, sollte in einem Kunstgeschäft hand-bearbeitetes Kristall, ein schöne Bild oder Porzellan kaufen
Hermann kann es nicht glauben was seine Mutter ihm erzählt: Er darf sich wirklich in Deutschland eine Woche lang jeden Tag satt essen.
Sibirien zwischen gestern und heute
Von Horst Rübke
„Was, Du willst nach Sibirien? Was hast Du denn verbrochen?“ Diese und ähnliche erstaunte Fragen musste ich mir anhören, als ich von meiner Absicht erzählte, nach Sibirien zu fliegen. Es folgten dann regelmäßig Bemerkungen von der sibirischen Kälte, die bei mindestens minus 40 Grad liegt, von Mückenschwärmen, Schlamm, Entbehrungen usw. Dabei ist es nach wie vor nicht einfach mal eben nach Russland zu fahren. Entweder muss eine Pauschalreise gebucht werden oder man muss eine Einladung erhalten. Die Pauschalreise ist oft nur in die russischen Metropolen und einigen wenigen touristischen Zielen möglich, Sibirien gehört meistens nicht dazu. Das Wissen über Sibirien stammt deshalb oft von den Erzählungen heimgekehrter Kriegsgefangener oder anderer Quellen, die in der Regel nicht mehr aktuell sind. Nur wenige aktuelle Informationen gibt es darüber, wie man in Sibirien wirklich heute lebt. Gibt es noch Russlanddeutsche da? Wie leben und arbeiten sie und wie haben sie Kontakt zu Deutschland? Sind ihre Informationen über Deutschland genau so veraltet und durch die jahrzehntelange Isolierung und der russischen Propaganda verfälscht, wie unsere Informationen über Sibirien? Es waren viele Fragen, denen ich nachgehen wollte.„Ich kenne ein deutsches Gedicht. Soll ich es aufsagen?“
Zum Glück hatte ich eine russische Dolmetscherin, die deutscher Abstammung ist und an der Universität den Studenten die deutsche Sprache und Kultur vermittelt. Ohne ihre Hilfe wäre ich völlig aufgeschmissen gewesen. Um es vorweg zu nehmen: Es gibt kaum noch echte Deutsche in der Gegend. Die Statistik wird verfälscht. Wenn in einer Familie einer ist, der von einem Deutschen abstammt, so werden alle anderen Familienmitglieder mitgezählt. Von dieser Zahl hängt es ab, wie hoch die finanziellen Mittel sind, die Deutschland zahlt, damit die deutsche Sprache und Kultur gefördert werden kann. In den 90er Jahren hat man eine Zählung durchgeführt. Seit dem spricht man von 15.000 Deutschen in diesem Gebiet. Bei einer heutigen Zählung würde es erheblich weniger sein. Die meisten sind inzwischen nach Deutschland übergesiedelt. Insbesondere viele ältere Menschen wollen sich jedoch nicht mehr umgewöhnen und lieber in ihrer sibirischen Heimat bleiben. Diese älteren Menschen freuen sich, in den deutsch-russischen Zentren einen schönen Abend mit deutscher Kultur, Liedern, Theater und Vorlesungen verbringen zu können. Wenn solche Menschen erfahren, dass man aus Deutschland kommt, so habe ich es erlebt, dass sofort spontan ein deutsches Gedicht aufgesagt wird.
Größter Wunsch eines 13jährigen Jungen: „Ich möchte mich eine Woche lang jeden Tag satt essen dürfen!“
In der Universität erzählte ich etwas über Deutschland und fragte, wer denn schon einmal in Deutschland gewesen sei. Es meldete sich keiner. Wer war denn schon einmal im Ausland, wollte ich dann wissen. Auch diesmal meldete sich niemand. Das konnte ich fast nicht glauben und fragte, wer denn schon einmal die Stadt Tomsk verlassen hätte. Jetzt meldeten sich einige Studenten, aber es waren nur sehr wenige. Natürlich träumen auch diese jungen Menschen davon, eine schöne Urlaubsreise zu machen oder einmal ins Ausland zu fahren. Die finanziellen Möglichkeiten, rücken diesen Wunsch aber in unerreichbare Ferne. Oft sind diese Reisen ohnehin nur möglich, wenn sie eingeladen werden. Deshalb habe ich zu meiner Dolmetscherin nicht nur aus Höflichkeit gesagt, sie möge mich doch auch einmal in Deutschland besuchen. Mir war bewusst, dass diese Einladung genutzt werden würde. Schon kurze Zeit später wurde mir denn auch ein ungefährer Zeitraum genannt, wann sie mit ihrem 13jährigen Sohn German (die russische Form von Hermann) zu mir nach Deutschland kommen wollte.
Deshalb fragte ich, womit ich denn ihrem German eine Freude machen könnte. Ich war auf alles gefasst: Gameboy, ein schönes Kleidungsstück, Computerspiele, Inlineskater usw. Die Antwort hat mich dann doch überrascht und nachdenklich gemacht. German wünscht sich, dass er sich eine Woche jeden Tag satt essen darf. Er wollte einmal so viel essen und trinken bis nichts mehr rein passte. Diesen Wunsch werde ich ihm ganz bestimmt erfüllen und seine Mutter hat es ihm bereits gesagt, aber German zweifelt immer noch daran, dass ich so viel zu essen im Hause haben werde, um ihn satt zu bekommen. Dies ist kein Einzelfall. Die meisten Jugendlichen in Sibirien würden ebenfalls diesen Wunsch an erster Stelle nennen. Dabei muss ich sagen, dass meine Dolmetscherin, die Dozentin an der Universität ist, im Monat umgerechnet etwa 100 Euro verdient und damit für ihren Sohn besser sorgen kann, als es vielen anderen Frauen möglich ist. Kindergeld erhält deshalb auch nur derjenige, der weniger als 67 Euro im Monat verdient.
1992 wurden die Lebensmittelmarken abgeschafft
Erst 1992 wurden die Lebensmittelmarken in Sibirien abgeschafft. Viele Waren aus Deutschland kann man dort inzwischen auch kaufen, aber sie sind so teuer, dass nur ganz wenige es sich leisten können, in ein solch exklusives Geschäft zu gehen. Dort gibt es auch meistens mehr Bedien- und Bewachungspersonal als Kunden. Die Bananen sind z. B. einzeln in eine Pappschale verpackt und mit einer Folie überdeckt. Die angebotenen Äpfel würde man bei uns nur noch als Fallobst anbieten können. Es können sich auch nur wenige Russen ein Auto leisten. Es sind die so genannten neuen Russen, die irgendwelche Geschäfte machen, die oft am Rande der Kriminalität angesiedelt sind. Meine Dolmetscherin sagte mir, dass sie befürchten müsste, dass in ihrer Wohnung eingebrochen werden würde, wenn andere Menschen davon erfahren würden, dass dort ein Computer, ich hatte einen Laptop mit, vorhanden wäre. Der Eingangsbereich war deshalb auch mit vier Millimeter starken Stahlplatten gesichert. Zwei schwere Stahltüren mussten geöffnet werden und dann die eigentliche Wohnungstür. Die Kriminalität ist tatsächlich ein großes Problem.
Rentnerinnen versuchen sich mit dem Verkauf von Sonnenblumenkernen einige Rubel hinzuzuverdienen. Ihre Rente beträgt 20 – 30 Euro im Monat.
Kinder um 23.30 Uhr: „Lass uns noch ein wenig auf der Straße spielen“
Nachts um 23.30 Uhr klingelte es an der Haustür. Ich war erstaunt, wer so spät wohl klingeln könnte. Es waren die Nachbarskinder. Sie wollten den 13jährigen German zum Spielen auf der Straße abholen. In Deutschland sei dies undenkbar und nach dem Jugendschutzgesetz sogar verboten, sagte ich, aber man sah mich nur mit ganz erstaunten Augen an und wollte es nicht glauben, denn dort gehört es zum Alltag. Ein Kindergeburtstag dauert deshalb auch bis nachts um 2 Uhr. Erst ab der 8. Klasse beginnt der Schulunterricht früh am Morgen. German war in der 7. Klasse und hatte Spätschicht. Der Unterricht begann um 14.30 Uhr und zwischen 20 und 21 Uhr war er dann wieder zu Hause.
Der beste Freunde der Männer: Wodka
Das Durchschnittsalter der Männer liegt bei 56 Jahren. Wenn die Frau Arbeit hat, hört der Mann in der Regel auf und trinkt nur noch den ganzen Tag Wodka. Wir waren bei Freunden eingeladen und auf dem Tisch stand eine 2 Liter Wodkaflasche. An der Seite war in Form von Uhrzeiten ein Pegelstand zu sehen, damit man weiß, wie der Spiegel des Inhalts sinken sollte. Es gibt kaum einen Mann in Russland, der nicht trinkt. Entsprechend niedrig ist die Lebenserwartung. Sollte es doch einmal jemand schaffen, über 80 zu werden, so wird seine Rente drastisch erhöht.
Oft sieht man mehr Busse auf der Straße, als Pkws
Nach der Wende brach der öffentliche Nahverkehr völlig zusammen. In dieser Beziehung hat die neu entdeckte russische freie Marktwirtschaft schnell reagiert. Konzessionen für eine Buslinie wurden vergeben und die privaten Busse, sie haben Sitzplätze für 25 Personen, konnten ihr Geschäft aufnehmen. In der Innenstadt sind hin und wieder die Haltestellen ausgeschildert. Sonst gilt, dort wo mehrere Menschen stehen, ist wahrscheinlich eine Bushaltestelle. Irgendwie muss man wissen oder sich merken, mit welcher Linie man fahren möchte. Auch wenn viele Menschen an der Bushaltestelle stehen, hält der Bus nur an, wenn man deutlich mit dem Arm ein Handzeichen gibt. Auch wenn man unterwegs außerhalb einer Bushaltestelle steht, hält der Bus in der Regel bei einem solchen Handzeichen an. Einen Fahrplan gibt es nicht. Wann der erste und letzte Bus fährt, hängt von der Laune des Busfahrers ab. Bezahlt wird, wenn man aussteigen will. Der Einheitspreis beträgt unabhängig von der Entfernung 5 Rubel, das sind etwa 17 Cent. Die staatlichen Busse sind billiger und für die Rentner kostenlos. Die meisten Rentner sind darauf angewiesen, nur mit den staatlichen Bussen zu fahren. Zur Hauptverkehrszeit sieht man in der Innenstadt oft mehr Busse als Privat-Pkws. Auf einen Bus muss man tagsüber deshalb auch nie lange warten.

Russische Frauen in Sibirien träumen von einem Mann aus Deutschland
In Sibirien gibt es erheblich mehr Frauen als Männer und die russischen Frauen sehen wirklich hübsch aus. Dafür sind die russischen Männer oft ungepflegt und die Kleidung ist einheitlich grau bis schwarz und in der Regel völlig unmodern. Trotzdem betrachten sich die Männer als ein Geschenk für die Frau. Viele russische Frauen träumen von einem Mann aus Deutschland oder dem westlichen Ausland. Mehrfach wurde ich von bildhübschen jungen russischen Frauen angesprochen, ob ich ihnen nicht in Deutschland einen Mann besorgen könnte. Es wurde mir ein Bericht aus einer Zeitung gezeigt. 70 französische Soldaten, die an der Grenze zu Afghanistan stationiert waren, hätten sich von ihren französischen Frauen getrennt und jetzt russische Frauen geheiratet. Diese Frauen seien anspruchsloser, ehrlicher, hübscher und treu meinten die Franzosen.
Den russischen Winter erleben
Im Sommer steigt die Temperatur bis plus 40 Grad an, aber im Winter ist es an einigen Tagen auch kälter als minus 40 Grad. Trotzdem möchte ich noch einmal nach Sibirien fahren und einen richtigen Winter erleben. Meine Dolmetscherin freut sich jetzt schon auf meinen Besuch.

Wer sich passende Kleidung für den kalten Winter kaufen will, sollte sie vor Ort kaufen. Die Waren auf dem Markt sind oft selbst hergestellt, der Arbeitslohn ist sehr niedrig und deshalb ist es dort besonders günstig, aber auch auf die witterungsbedingten Temperaturen abgestimmt.

Ad libitum – Elvira Kartseva
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